Lwow, Lemberg oder Lviv?

Auf Reisen in der Ukraine 1977 – aus Harald Wessels Memoiren „Doppelt befreit“

… Laut Churchills eigenen Erinnerungen fand am Abend des 13. Oktober 1944 im Moskauer Spiridonow-Palast eine Begegnung der aus London angereisten Exilpolen mit einigen Vertretern des von Stalin dirigierten Lubliner Komitees statt. Es ging auch um die Frage, ob die Stadt Lemberg (polnisch und russisch Lwow, ukrainisch Lviv) künftig zu Polen oder zur UdSSR (also zur Ukrainischen Sowjetrepublik) gehören sollte. Wie Churchill sich in der einbändigen Fassung seiner Memoiren „Der Zweite Weltkrieg“ (Seite 994) erinnert, soll der Pole Boleslaw Bierut (1892 bis 1956), ab 1948 umstrittener Chef der  Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei (PVAP), bei dieser Gelegenheit wörtlich gesagt haben: „Wir sind hier, um im Namen Polens zu verlangen, daß Lemberg zu Rußland gehören soll. Das ist der Wille des polnischen Volkes.“ .

IL 18 der sowjetischen Fluggesellschaft Aeroflot in den 1970er Jahren Foto: commons Ria Novosti

Natürlich kann die schöne alte Stadt nichts dafür: Doch immer dann, wenn der Name Lwow/ Lemberg fällt, gruselt es mich – in Erinnerung an das Desaster, das mir vom 5. bis 8.. Juli 1977 dort widerfuhr. Nur hoffen kann ich, daß sich noch eine Gelegenheit findet, diese Kette von wundersamen Mißhelligkeiten minutiös zu rekonstruieren…

Doch soviel muß hier gesagt sein: Lemberg ist die einzige Stadt, in der ich eine halbe Nacht auf einer Parkbank zu schlafen gezwungen war. Nur auf dem Hauptbahnhof von Lwow ertönte mein Name aus dem Stationslautsprecher. Und einzig in Lemberg bin ich mir wie ein Kinderschänder vorgekommen – als ich in einem Magazin (staatlichen Lebensmittelladen) mit normal dekorierten Schaufenstern eine Tafel Halbbitterschokolade (Reise-Not-Proviant) kaufen wollte und die Verkäuferin mit weißem Häubchen mich auf Russisch anherrschte: „Nur für Kinder!“ Beschwichtigend hob ich die Hände und stammelte in ihrer Sprache: „Pardon! Das wußte ich nicht! Woher hätte es ein durchreisender DDR-Deutscher erfahren sollen?“

Beschämt saß ich dann – einen alten Zwieback kauend und auf den lokalen Korrespondenten einer großen Moskauer Zeitung wartend – am Sockel des Lemberger Mickiewicz-Denkmals und wunderte mich über die vielen weißroten Nelkensträuße am Fuß des Standbildes. Es gab auch andere frische Blumen, einige mit weißroten Schleifen. Die polnischen Nationalfarben am Denkmal des polnischen Nationaldichters Adam Bernard Mickiewicz (1798 bis 1855) in der sowjetukrainischen Stadt! Hatten polnische Touristen die Blumen gelegt oder polnische Einwohner, die sich der Zwangsumsiedlung nach 1944 zu entziehen vermochten? Jedenfalls erlebte ich Flower Power der besonderen Art: eine schön blühende Absage an den peinlichen Satz des Boleslaw Bierut vom Oktober 1944.

Muskateller im Höhenrausch
Am frühen Morgen des 8. Juli 1977 holte mich eine nette Aeroflot-Mitarbeiterin von der Parkbank vor dem Flughafen von Lwow und führte mich – durchaus vorschriftswidrig, aber ganz vernünftig – zu einer startklaren Iljuschin IL–18, einer seit 1957 gebauten sowjetischen Passagiermaschine mit vier Propellerturbinen. Ich war der einzige Passagier; denn auf und zwischen den arg ramponierten Sitzen waren Kisten und Kartons mit gefüllten Weinflaschen gestapelt. Die Iljuschin – angejahrt und überladen – rollte mit aufheulenden Motoren endlos über die Starbahn, ehe sie abhob, dann quälend an Höhe gewann und Richtung Kiew flog. In solchen bangen Minuten gehen einem irre Dinge durch den Kopf. Wenn die Maschine jetzt abschmiert, sagte ich mir, wird die blutgetränkte Erde da unten endlich mal mit Tafelwein getauft. Bacchus statt Mars! 

Die 1256 erstmalig urkundlich erwähnte Stadt Lemberg hatte seit der ersten Teilung Polens – also von 1772 bis 1918 – unter österreichischer monarchistischer Herrschaft gestanden. Ab 1848 war Lemberg Hauptstadt des österreichischen „Kronlandes“ Galizien. Um 1921 – als Polen gemäß den „Friedensverträgen“ von Versailles (1919) und Riga (1921) in großzügigen Grenzen wieder vereinigt war – sollen von den 220.000 Einwohnern Lwows 112.000 Polen, 76.000 Juden und 28.000 Ukrainer gewesen sein. Was aus ihnen im zweiten Weltkrieg wurde, läßt sich kaum genau sagen, nur erahnen. 

Der Ukrainer Nikita Chruschtschow, seit 1938 Chef der ukrainischen KP, leitete 1939/40 (gemeinsam mit NKWD-General Iwan Serow!) den Anschluß der – gemäß dem Hitler-Stalin-Pakt nun sowjetisch besetzten – „Westukraine“ an die ukrainische Sowjetrepublik. In seinen Memoiren räumt Chruschtschow dabei Verhaftungen und Deportationen von „Sowjetfeinden“ ein (vgl.: Chruschtschow erinnert sich/Die authentischen Memoiren. Reinbek bei Hamburg 1992, Seiten 135 bis 141). Im nun sowjetisch besetzten Lwow/Lemberg habe es sogar eine Kontaktstelle von NKWD und GESTAPO gegeben, die auch einen Bevölkerungsaustausch über die (am 28. September 1939 fest vereinbarte) deutsch-sowjetische Demarkationslinie einvernehmlich regeln sollte. 

Chruschtschow schreibt (Seite 140): „Mit Bestürzung“ habe ihm Genosse Serow eines Tages mitgeteilt, daß vor allem Juden in der Schlange vor dem Gebäude stünden, in dem die Genehmigungen zum Grenzübertritt erteilt wurden. Polnische Juden seien also dabei, aus dem sowjetisch besetzten Teil Polens in den vom Hitler-Faschismus beherrschten Teil zu fliehen – und damit in den sicheren Tod. Nach Hitlers Überfall auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 begann dann auch in der Ukraine – wie in allen von den Invasoren besetzten Gebieten der UdSSR – der offen proklamierte Vernichtungskrieg (von SS-und Polizei-Einsatzgruppen vor allem) gegen den „Jüdischen Weltbolschewismus“ – die systematische Ausrottung von Juden, polnischen Intellektuellen und sowjetischen Kommunisten. 

Leon Weliczkers Buch „Im Feuer vergangen“, erschienen in mehreren Auflagen ab 1958 in der DDR, mit einem Vorwort von Arnold Zweig

Eines der ersten Zeugnisse von der barbarischen Wut, mit der deutsche Einsatzgruppen Lwow im Sommer 1941 „gesäubert“ hatten, war das legendäre Tagebuch von Leon Weliczker. Der 1923 geborene junge Mann legte gerade die Aufnahmeprüfung für das Polytechnikum in Lwow ab, als Hitlers Eroberungskrieg gegen die Sowjetunion begann. Am 30. Juni 1941 rückten die deutschen Invasoren in die ostgalizische Universitätsstadt ein. Und schon am 2. Juli 1941 wurde Weliczker verhaftet. 

Ein Martyrium begann, das der junge Mann – wie ein Wunder – überlebte: die Jahre im Lemberger Ghetto, das Sklavendasein im Konzentrationslager Janowski nahe der Stadt, diverse Fluchtversuche, Verhöre und schließlich die schrecklichen Wochen, in denen der ausgemergelte KZ-Häftling als Leichenverbrenner bei den (im Sommer 1944 vor Anrücken der Roten Armee wieder geöffneten) Massengräbern in den Sandgruben westlich von Lwow jeden Moment mit seiner Erschießung rechnen mußte. Leon Weliczkers datierte Notizen (auf Papier und in Heften, die der SS-Leichenregistratur entwendet wurden) kamen denn auch unter dem Titel „Die Todesbrigade“ heraus – das polnischsprachige Original wurde bald nach dem Krieg von der Zentralen Jüdischen Historischen Kommission in Warschau veröffentlicht.

Die deutsche Ausgabe verdanken wir Arnold Zweig, der Ende der fünfziger Jahre des vorigen Jahrhunderts – mit der Warschauer Jüdischen Kommission – einige solcher Tagebücher und Augenzeugenberichte auswählte, von Viktor Mika übersetzen ließ und dem Ostberliner Verlag Rütten & Loening zur Veröffentlichung anbot. 

Arnold Zweig schrieb für den Band auch ein Vorwort (Berlin, 15. September 1958), das insofern beachtenwert ist, als der Schriftsteller, den wir ja schon als treuen Zionisten kennen, dort das Fehlen der israelischen Fahne in der Flaggenparade bei der Einweihung der Nationalen Gedenkstätte Buchenwald ausdrücklich moniert (vgl.: Im Feuer vergangen. Tagebücher aus dem Ghetto. Mit einem Vorwort von Arnold Zweig. Verlag Rütten & Loening, Berlin 1958, Seite 9). Ich kaufte das in gelbes Leinen mit schwarzem Davidstern eingebundene Buch 1961 (611 Seiten für nur 7,90 Ostmark). Es war die sechste (!) Auflage. Und auch Zweigs Kritik an der Fahnenauswahl auf dem Ettersberg habe ich damals mit einem „sic“ versehen. 

Die schrecklichen Lwower Erlebnisse von Leon Weliczker waren mir also unterbewußt in Erinnerung, als ich 1977 – bei der Reise für mein Buch über den linken amerikanischen Publizisten John Reed – in Lviv/Lwow „strandete“. 

John Reed hatte sich im Mai/Juni 1915 – während des ersten Weltkrieges – über das neutrale Rumänien illegal hinter die russische Front begeben, um herauszufinden, was an Gerüchten über antisemitische Pogrome dran sei. New Yorker Juden waren in Sorge. Reed, so steht es in meinem Buch, unternahm „eine Irrfahrt durch Frontgebiete und Etappe, durch zerstörte Städte und schöne sommerliche Landschaften, oft den Geschützdonner im Ohr und stets die heillose Unordnung der zaristischen Armee vor Augen, deren Generale den fluchtartigen Rückzug nicht zu bewältigen vermochten, während die Kosaken sich im Hinterland bei Judenpogromen bereicherten“ (vgl. Harald Wessel: Roter Reporter aus dem Wilden Westen.John Reed. Berlin 1979, Seite 371). 

Pogrome scheinen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zum Genius loci Galiziens und speziell der Stadt Lemberg/Lwow/Lviv gehört zu haben. Der junge strohblonde Fahrer vom KPdSU-Gebietskomitee, der mich am frühen Morgen des 7. Juli 1977 in einem Wolga von Lwow nach Nowosseliza am Prut brachte und sich dann einfach verdrückte, erklärte mir unterwegs, die Zeiten der Pogrome seien längst vorbei, „die Deutschen haben 1941 ganze Arbeit geleistet“. Wie war dieses makabre Kompliment gemeint? Ich weiß es nicht, werde aber den Verdacht nicht los, der Ukrainer könne es seinem deutschen Fahrgast gegenüber durchaus auch anerkennend verstanden haben..

Als der Wolga auf dem Weg nach Nowosseliza durch die berühmte Stadt Tschernowitz (russisch Tschernowzy, ukrainisch Tscherniwzi) rollte, fiel mir ein Tip ein, den mir mein Freund und Redaktionskollege Dr. Franz Krahl (1920 bis 1990) gegeben hatte: „Harald, solltest Du je nach Tschernowitz kommen – dort gibt es einen jüdischen Schriftsteller, der seine Texte noch in jiddischer Sprache verfaßt; auch eine Zeitung in Jiddisch wird dort gedruckt.“ Da ich ihn wohl etwas begriffsstutzig angeschaut hatte, gab Krahl mir noch ein Privatissimum in Sachen Hebräisch, Jiddisch und jiddische Literatur.. 

Sicher aus Neugier, vielleicht aber auch, um den ukrainischen Fahrer zu testen, schlug ich ihm vor, auf der Rückfahrt in Tscherniwzi nach der Redaktion der jiddischen Zeitung zu suchen. Unwirsch entgegnete er, er wisse von so einer Zeitung nichts. Man könne sich doch bei der Partei in Lviv telefonisch erkundigen, insistierte ich. Was danach ablief, weiß ich nicht. Sicher ist nur, daß der Partei-Chauffeur sich in Nowosseliza einfach verdünnisierte und mich in der kleinen Grenzstadt liebenswürdigerweise sitzenließ.

Zurück zum Sommer 1941! Um das Schreckliche knapp zu sagen: Nach dreimaligen mörderischen Massakern in Lemberg und Umgebung waren die meisten Orte „judenfrei“. Vor der Welt sollte es so aussehen, als hätten antisemitische ukrainische Chauvinisten die „Gunst der Stunde“ genutzt und von sich aus mit den „verhaßten Juden“ „kurzen Prozeß“ gemacht. Doch – wie man seit spätestens 1960 weiß – gab es da eine geheime und getarnte Sondertruppe des „Amtes Ausland/Abwehr“ beim Oberkommando der Deutschen Wehrmacht (OKW), die den schönen Decknamen „Bataillon Nachtigall“ trug, am 30. Juni 1941 in Lemberg einrückte und sich nachweislich bis 7. Juli 1941 in der Stadt aufhielt..

Nachtigallen mit Mord-Lizenz 
Projektiert und indoktriniert hatte diese Truppe, die sich an keine Normen des internationalen Kriegsrechtes (etwa an die Haager Konventionen von 1907) gebunden fühlte, ein gelernter und studierter Landwirt sowie promovierter Völkerkundler – der Teilnehmer am Hitler-Putsch 1923 in München, Vertrauensmann von Spionagechef Admiral Wilhelm Canaris (1887 bis 1945) und spätere (ab 1953) „Bundesminister für Vertriebene“ Prof. Dr. Dr. Theodor Oberländer (1905 bis 1998). Bei Kriegsbeginn 1939 war der weltläufige, professorale Geheimdienstler in eine Offiziersuniform der Wehrmacht geschlüpft und regelrechter Mitarbeiter des Amtes Ausland/Abwehr beim OKW geworden. Von Breslau und dann vom besetzten Krakau aus ließ er (rechtzeitig zum bevorstehenden Überfall auf die UdSSR) einschlägige kriminelle Typen und vor allem „fremdvölkische Hilfswillige“ (besonders Ukrainer) für die „Nachtigall“-Truppe rekrutieren und für „nasse Sachen“ trainieren. 


Demonstration in der Westberliner Kantstraße am 12. November 1959 gegen die Anwesenheit Theodor Oberländers
Foto: ADN/Zentralbild Drowski. Bundesarchiv, Bild 183-68855-0001 / CC-BY-SA 3.0

War Oberländer verantwortlich für die Lemberg-Massaker im Sommer 1941? Diese Frage ist historiografisch bis heute (2012) nicht schlüssig beantwortet. Besonders unter polnischen Überlebenden des Holocaust war schon in den fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts der böse Verdacht aufgekommen, die furchtbare Jagd auf Juden und Polen in Lembergs Straßen habe niemand anderes inszeniert als die getarnte Mörder-Sondertruppe des Theodor Oberländer. Der Verdacht und die Empörung wuchsen, als ausgerechnet diese dubiose Figur – ein erklärter Rassist reinsten Wassers – im Adenauer-Kabinett das Vertriebenen-Ministerium übernahm, das man in Warschau als ein Ministerium für Revanchismus (und für gewaltsame Revision der Oder-Neiße-Grenze) ansah. 

Wie mir Albert Norden im Herbst 1965 auf einer Autofahrt durch Thüringen anvertraute, kam der berühmte Oberländer-Prozeß, der am 20. April 1960 – in Abwesenheit des Angeklagten – vor dem 1. Strafsenat des Obersten Gerichts der DDR in Berlin begann und am 29. April 1960 mit Oberländers Verurteilung wegen Kriegsverbrechen zu lebenslanger Zuchthaushaft endete, „auf Vorschlag und Drängen unserer Freunde“ zustande. Vor allem Warschau habe Zeugen und Material zur Beweisführung beigesteuert. 

Der Oberländer-Prozeß lief auf dem Höhepunkt der Berlin-Krise ab. Die beiden deutschen Staaten waren so fest in die Blockkonfrontation zwischen Moskau und Washington eingebunden, daß die Gerichtsverhandlung gegen Oberländer wohl oder übel zu einem politischen Schauprozeß im Kalten Krieg geraten mußte. Westmedien sahen im Ostberliner Urteilsspruch das ideale Indiz für Oberländers Unschuld. Gleichwohl gab der ungemein rüstige Oberländer schon im Mai 1960 – „nach Erreichen des Pensionsalters“ – sein Amt als „Bundesminister für Vertriebene, Flüchtlinge und Kriegsgeschädigte“ auf. Damit war er aus dem Rampenlicht der Öffentlichkeit. 

Nach der deutschen Einheit von 1990 jedoch geriet das Ostberliner Urteil von 1960 zu einem kleinen, aber delikaten Wiedervereinigungshindernis: Wäre das alte Urteil nun nicht endlich von der „vereinten Justiz“ zu revidieren oder zu vollstrecken? Das Hindernis wurde behutsam ausgeräumt, indem ein Berliner Gericht das Urteil aus formalen Gründen kassierte – der Angeklagte habe damals beim Verfahren anwesend sein müssen. Doch als Oberländer am 5. Mai 1998 (im schönen Alter von 93 Jähren!) in Bonn am Rhein starb, waren bei der Staatsanwaltschaft in Köln (!) neuerliche Ermittlungen wegen des Verdachts auf Beteiligung am Lemberger Massaker von 1941 anhängig. Der sanfte Tod erlöste Theodor Oberländer von seiner mutmaßlichen Schuld. 

Nasse Sache: Stepan Bandera
Als mir 1977 die Irrfahrt durch Galizien widerfuhr, war gerade die Canaris-Biografie des Spiegel-Reporters Heinz Höhne (1926 bis 2010) erschienen (Heinz Höhne: Canaris – Patriot im Zwielicht. C. Bertelsmann Verlag, München 1976). Ob Höhne, dem gute Beziehungen zum BND, aber auch eine penible Arbeitsweise nachgesagt werden, damals die Absicht hatte, mit seinem Canaris-Buch den Oberländer (nebenher) ein wenig zu entlasten, ist schwer zu 

sagen. Höhne verwertete „Mitteilungen“ von Oberländer und die (authentische?) „Handakte Herzner“ (Oberleutnant Hans-Albrecht Herzner war leitender Offizier im Nachtigall-Bataillon gewesen). Damit kam ein ukrainischer Ehrgeizling der besonderen Art ins Spiel: Bandera.

Soldaten des berüchtigten Bataillons Nachtigall

Als im Herbst 1939 der zweite Weltkrieg begann, saß der ukrainische Nationalist Stepan Bandera (1909 bis 1959) seit 1934 in polnischer Haft – verurteilt wegen Beteiligung am Komplott zur Ermordung eines polnischen Ministers. Stepan Bandera – laut Chruschtschows Memoiren der Sohn eines Priesters und selbst Geistlicher mit Studium am Polytechnikum in Lwow – wurde 1939 beim Einmarsch der Roten Armee frei gelassen. Das sei ein großer Fehler gewesen, räumte Chruschtschow später ein (vgl. Chruschtschow erinnert sich. A.a.O., Seite 139); denn des Ukrainers antisemitischer Nationalismus richtete sich nicht nur gegen die polnische Vorherrschaft, sondern auch und vor allem gegen den Moskauer Kommunismus. 

Beim Angriff Hitler-Deutschlands auf die UdSSR ab 22. Juni 1941 hatte die Nachtigall-Truppe – wie gesagt – am 30. Juni 1941 weitgehend kampflos in Lwow einrücken können, das nun wieder (wie unter der Wiener Herrschaft) Lemberg zu nennen war. Die dubiose Truppe war nach Heinz Höhnes Recherchen „eine bataillonsstarke Wehrmachtseinheit aus 3 Kompanien ukrainischer Soldaten und 1 Kompanie des Lehrregiments ‚Brandenburg’“. Befehligt wurde das Bataillon von „Oberleutnant Herzner“ (vgl. Heinz Höhne: Canaris/Patriot im Zwielicht. Taschenbuch-Ausgabe, Wilhelm Goldmann Verlag, München 1978, Seite 438). 

Während man die „ukrainischen Soldaten“ wie andere „fremdvölkische Hilfswillige“ im deutsch besetzten Teil Polens rekrutiert und rassistisch indoktriniert hatte, repräsentierte die Kompanie „Brandenburger“ die „eigentliche Herrenrasse“ im Bataillon. „Brandenburger“ war der Tarnname für eine (zeitweilig Divisionsstärke erreichende) Sondertruppe der Wehrmacht für subversive Kriegführung. Mit seinen „Brandenburgern“ wollte Admiral Canaris beispielsweise 1940 allen Ernstes unerkannt durch Franco-Spanien ziehen und die britische „Seefestung“ Gibraltar „von innen heraus“ und „im Handstreich“ erobern (vgl. ebenda, Seite 404 ff.)

Kaum hatten die „Nachtigallen“ in Lemberg die „Macht übernommen“, war auch Bandera zur Stelle, um – als Anführer der terroristischen Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN) – am 30. Juni 1941 einen eigenen, „unabhängigen“ ukrainischen Staat unter deutscher Schirmherrschaft auszurufen. 

Doch „der Führer“ wollte keine „unabhängige“ Ukraine, auch nicht mit einer Marionetten-Regierung. Niemand sollte den Eroberern reinreden, wenn es um die Ausbeutung der materiellen und menschlichen Ressourcen einer der fruchtbarsten Regionen der UdSSR ging. Schon am 12. Juli 1941 wurde Bandera von einer besonderen Einsatzgruppe (SS, Polizei, GESTAPO?) festgesetzt und kam als „Geisel“ vorerst in ein Nazi-KZ. Und am 30. Juli 1941 mußte Abwehrchef Canaris höchst persönlich das Nachtigall-Bataillon in der Ukraine aufsuchen, um ihm Hitlers Rüffel wegen der politischen Bandera-Eigenmächtigkeit zu überbringen (vgl. Höhne, a.a.O., Seite 441). 

Wie spektakulär der Bandera-Dissens innerhalb der Nazi-Führung wirklich war, kann ich nicht sagen. Jedenfalls würde er keinesfalls ausreichen, Admiral Canaris oder gar Oberländer zu verkappten antifaschistischen Widerstandskämpfern zu erklären. Im Gegenteil: Die Tatsache, daß Oberländer im Herbst 1944 zur Aufstellung und Ausrichtung der „Wlassow-Armee“ herangezogen wurde, zeigt, daß dieser Rassenideologe dem Hitler-Regime bis zuletzt fanatisch ergeben war. Die nach dem verräterischen früheren Sowjetgeneral A.A. Wlassow (1901 bis 1946) benannte „Armee“ sollte sowjetische Kriegsgefangene „an der Seite der deutschen Truppen“ in die aussichtslose „Abwehrschlacht gegen den Bolschewismus“ führen. Und Banderas OUN war den angeschlagenen Nazis bei der Rekrutierung von (ungefähr 17.000!) ukrainischen Nationalisten für die SS-Division Galizien behilflich. 

Der Bandera-Dissens von 1941 ist erst recht nicht geeignet, Oberländer von dem Verdacht zu entlasten, er habe mit dem Nachtigall-Bataillon das Lemberg-Massaker angestiftet und gesteuert. Vielmehr passt die schreckliche Jagd auf Juden, Polen und Sowjetfunktionären in Lemberg sehr wohl als terroristische „Begleitmusik“ zu Banderas krawalliger Proklamation einer ukrainischen „Unabhängigkeit“ unter deutschem Protektorat. 

Und die viehische Jagd auf Menschen im Sommer 1941 in Lemberg wie in Kaunas (Litauen) wird inzwischen als Vorstufe zu den Mordfeldzügen der SS-Einsatzgruppen im Osten wie zum industriellen Massenmord in Auschwitz angesehen (vgl. Daniel Jonah Goldhagen: Hitler’s Willing Executioners/Ordinary Germans an the Holocaust. New York 1999, Seiten 151 und 530). Eigentümlich wirkt nur, daß Goldhagen, dessen besonderes Verdienst im Nachweis der Beteiligung von deutschen Polizeieinheiten am Mordfeldzug der SS-Einsatzgruppen besteht, im Falle des Lemberger Massakers weder Canaris noch Oberländer und Bandera erwähnt.

Unter SS-Treuhandverwaltung 
Bis zuletzt bezogen die Leute von der Waffen-SS einen Teil ihres Herrenmenschenhochmuts aus den ebenso „schicken“ wie furchteinflößenden SS-Uniformen. Man kann annehmen, daß nicht wenige der 17.000 Ukrainer in der SS-Division Galizien von der Kluft und Ausrüstung dieser Prätorianer-Garde angetan waren. Besonders die ebenso praktischen wie wetterfesten Kampfjacken und Kampfanzüge mit ihren exklusiven, neumodischen Tarnflecken-Mustern waren begehrt. Noch nach dem Krieg nahmen Jugendliche bei Wanderungen lieber die bunt gefleckten Dreieck-Zeltplanen als die eintöniger gefärbten der Wehrmacht. Niemand konnte ahnen, daß in jedem Faden der SS-Textilien der Teufel steckte.

Erst 1964 kam mir das Geständnis des Chefs des SS-Wirtschafts-Verwaltungs-Hauptamtes Oswald Pohl (1892 bis 1951) über seine Geheimverhandlungen mit Reichswirtschaftsminister Walther Funk (1890 bis 1960) unter die Augen. Dabei verlangte der Herr über sämtliche SS-Wirtschaftsunternehmen eine bevorzugte Belieferung der SS mit Uniform-Stoffen. Oswald Pohls Begründung, in seinen eigenen Worten: „Das Wirtschaftsministerium bekam aus den Konzentrationslagern viel Textilien geliefert. Diese Textilien waren in dem Vernichtungslager Auschwitz und anderen Vernichtungslagern gesammelt worden und dann an die zuständigen Stellen abgeliefert worden.“ 

Weiter Pohls Aussage: „Ich teilte Funk meinen Auftrag mit, daß ich um mehr Textilien für Uniformen der Waffen SS bitten sollte, da wir von den Judenaktionen soviel alte Textilien hätten abliefern können“ (zitiert nach: SS im Einsatz/Eine Dokumentation über die Verbrechen der SS. Herausgegeben vom Komitee der Antifaschistischen Widerstandskämpfer in der DDR. Deutscher Militärverlag, 7. Auflage, Berlin 1964, Seite 301).

Der vom jungen Historiker (späteren DDR-Geschichtsprofessor und Nationalpreisträger) Heinz Kühnrich (1935 bis 2002) ab 1956 mit analytischem Verstand und viel Akribie besorgten Dokumentation „SS im Einsatz“ verdanke ich die Erkenntnis, daß die NS-Todesfabriken zugleich wirtschaftliche Unternehmen der industriellen Leichenfledderei waren.

Unter dem bürokratisch rigiden SS-Obergruppenführer Oswald Pohl, der als Sohn eines Duisburger Werkmeisters aufgewachsen war, schon 1912 zur Kaiserlichen Marine kam, 1918 als Marinezahlmeister fungierte, 1920 in die Reichsmarine übernommen wurde, 1926 der NSDAP beitrat und ab 1934 in der SS-Bürokratie aufstieg, wurden die Konzentrationslager der Nazis doppelt profitabel geführt: Die SS vermietete Häftlinge wie Arbeitssklaven an die Rüstungsindustrie, und die beim Massenmord in den Vernichtungslagern anfallenden Gegenstände – Kleidung, Schuhe, Haare, Zahngold, Ringe und andere Wertgegenstände der Ermordeten – wurden penibel wirtschaftlich verwertet. 

Supernationalistischer Buchhalter des industriellen Massenmordes: Oswald Pohl, stehend zwischen zwei US-Soldaten, vor seiner Verurteilung zum Tode am 3. November 1947
Quelle: United States Holocaust Memorial Museum

Am 29. November 1944 teilte Pohl seinem „Reichsführer SS“ zum Beispiel schriftlich mit, daß in Oranienburg 20 000 Taschenuhren, 4000 Armband-Uhren und 5000 Füllfederhalter „instandgesetzt“ und „versandfertig“ bereitstehen, um damit wieder einmal Angehörige der Waffen SS auszeichnen zu können (siehe die Abbildung des Originalschreibens auf Seite 299 der Dokumentation „SS im Einsatz“).

Die Dokumentation „SS im Einsatz“ fand Ende der fünfziger, Anfang der sechziger Jahre des vorigen Jahrhunderts besonders unter jungen Leuten eine große Resonanz. Ende 1964, als sich die SED noch an das Prinzip „Der Jugend Vertrauen und Verantwortung!“ hielt, näherte sich die Auflage des schwarz eingebundenen Buches bereits der 100.000-Grenze. Das SS-Schwarzbuch hinterließ besonders deshalb einen nachhaltigen Eindruck, weil es auf schulmeisterlich belehrende Kommentare, auf Parolen politisch-moralischer Entrüstung oder gar auf nationalmasochistische Anwandlungen verzichtete und statt dessen auf die elementare Bildungs- und Erziehungskraft des ungeschminkt Faktischen setzte. Wer diese Dokumente – meist mit Abscheu und Entsetzen – zur Kenntnis nahm, kam unweigerlich zu dem Credo: Nie wieder Faschismus! Oder: Nie wieder Faschismus und Krieg! 

Das Phänomen Oswald Pohl hat mich immer mal wieder beschäftigt. Mitunter erschien mir dieser supernationalistische Buchhalter des industriellen Massenmordes wie ein Monstrum der verspäteten „ursprünglichen Akkumulation des Kapitals“ (Karl Marx). Später führte mich ein Freund durch Pohls privates Domizil in Berlin-Dahlem, Koserstraße . Die Villa hatte ein jüdischer Unternehmer bauen lassen. Die SS steckte dessen Witwe ins KZ Ravensbrück, um das Anwesen zu „arisieren“. Pohl, der Verfügungsgewaltige über das gesamte SS-Eigentum, vermietete die reputierliche Villa an sich selbst – und ließ unter deren Luftschutzbunker noch einen „Bunker im Bunker“ anlegen – mit viel Stahlbeton und einem mit Stahltüren bewehrten Notausgang für alle Fälle. Auch dieser Kerl meinte offenbar, er besitze ein privilegiertes Überlebensrecht. 

Wie Hermann Kant mir erzählte, soll Pohl für eine Zweitfrau ausgerechnet in der Nähe von Ravensbrück eine weitere Bleibe geschaffen haben – von KZ-Häftlingen gebaut, mitten im Krieg, mit Material aus SS-Betrieben und vermutlich mit SS-Geldern finanziert. Ich habe Hermanns Erzählung nie vor Ort überprüfen können. 

Weder Stahl, Beton und entlegene Hütten noch die teuersten Kranken- oder Rentenzusatz-Versicherungen können übrigens ein privilegiertes Überlebensrecht garantieren. Dafür sorgen schon die unkalkulierbaren biologischen und politischen Zufälle unseres Lebens – wie das weitere Schicksal der vier Lemberger Hauptfiguren zeigte: 

1. OUN-Chef Bandera wurde am 15. Oktober 1959 in München von einem Killerkomando des sowjetischen Geheimdienstes mit einer Giftpistole getötet; 

2. Abwehr-Chef Canaris wurde noch am 8./9. April 1945 von einem SS-Standgericht im KZ Flossenbürg (wegen angeblicher Verwicklung in das Attentat auf Hitler vom 20. Juli 1944) zum Tode durch den Strang verurteilt und hingerichtet;

3. Rassenfanatiker Oberländer erreichte als einziger ein sehr hohes Alter und nahm den Verdacht, die Lemberger Massaker angestiftet zu haben, mit ins zivile Grab; 

4. Leichenfledderer Pohl konnte aus dem umkämpften Berlin fliehen, zunächst in Bayern und Schleswig-Holstein untertauchen, wurde aber am 27. Mai 1946 in Verden (Niedersachsen) vom britischen Secret Service gefaßt, den Amerikanern übergeben, am 13. Januar 1947 in einem Nürnberger Nachfolgeprozeß (Pohl-Prozeß) angeklagt, am 3. November 1947 zum Tod durch den Strang verurteilt und erst in der Nacht vom 6. zum 7. Juni 1951 in Landsberg am Lech hingerichtet. 

Und wie kommen wir von Landsberg und Nürnberg, Dahlem und Ravensbrück wieder nach Lwow/Lemberg/Lviv? Ganz einfach: Heinz Kühnrich hat ins Schwarzbuch „SS im Einsatz“ (Seiten 229 bis 234) eine am 10. April 1943 im „SS-Wirtschafts-Verwaltungshauptamt“ des Oswald Pohl zusammengestellte Liste aller SS-Wirtschaftsunternehmen aufgenommen. Und da findet man unter „Amt W II (Steine und Erden Ost)“ den Eintrag: „Treuhandverwaltung Lemberg und Bialystok. Die treuhänderisch übernommenen Erd- und Steinbetriebe, Kachelfabriken, Kalk- und Kreidebrüche usw. werden ohne gesellschaftliche Rechtsform bewirtschaftet“ (ebenda, Seite 231; Hervorhebung von mir, H.W.). „Treuhänderisch“! Wieviel Schindluder man doch mit einem an sich harmlosen deutschen Wort treiben kann!

Als mich der Lwower Lokalreporter der großen Moskauer Zeitung am 6. Juli 1977 zu einigen Sehenswürdigkeiten seiner Stadt führte, ist mir möglicherweise ein ziemlich dummer Fehler unterlaufen. Vorlaut und unbedacht, wie ich gelegentlich bin, fragte ich den freundlichen Kollegen und Betreuer, ob er zufällig wisse, wo in Lemberg Stepan Bandera am 30. Juni 1941 die „Unabhängigkeit der Ukraine“ ausgerufen habe. Zunächst schien es so, als verstehe der Journalist überhaupt nicht, wovon ich rede. Dann wurde er einsilbig und hatte keine Zeit mehr für den Gast aus der DDR. 

Crux mit den Spurbreiten 
Am Morgen des 7. Juli 1977, als der KPdSU-Wolga durch Tschernowitz rollte und ich den ukrainischen Fahrer bat, sich nach der Adresse der dortigen jiddischen Zeitung zu erkundigen, bin ich möglicherweise in einen weiteren politischen Fettnapf getreten. Während des Treffens mit aufgeweckten Mädchen und Jungen des John-Reed-Schülerzirkels in Nowoselliza, denen ich von meiner Reise durch Mexiko und Nordamerika erzählte, stahl sich der Fahrer – wie gesagt – mit dem Wolga davon, ohne ein Wort zu sagen, auf Nimmerwiedersehen.

Zu meinem Glück gab es den Komsomol-Kreissekretär Georgi Iwanowitsch Tschubrai (etwa Jahrgang 1956), der trotz Schulferien den John-Reed-Zirkel zusammengetrommelt und die Englisch-Lehrerin der Mittelschule Nr. 1 als Übersetzungshilfe herbei gebeten hatte. Als wir nach dem Ende des Gesprächs mit den Mädchen und Jungen das Verschwinden des KPdSU-Chauffeurs bemerkten, war Georgi Iwanowitsch so empört wie ratlos. Keine Unterkunft für mich in Nowosseliza. Kein Bus, kein Auto. Die Versuche, einen Verantwortlichen in Lviv per Telefon zu erreichen, scheiterten. Dann kam dem Jugendfunktionär eine rettende Idee.

„Müssen Sie noch einmal nach Lwow, Genosse Wessel? Oder nach Kiew?“ – „Nein, jetzt nicht, jetzt möchte ich rasch zurück nach Berlin.“ – „Was halten Sie von der Eisenbahn?“ – „Sehr schön!“ – Wir eilten zum malerischen Bahnhof von Nowosseliza, der in meinem John-Reed-Buch (Seite 369) abgebildet ist. Georgi Iwanowitsch redete eine Weile mit dem Stationsvorsteher. Normale Sowjetbürger konnten Eisenbahn-Fahrkarten oder Flugtickets nur mit einer Bescheinigung des Dorf- oder Stadtsowjets erwerben. Ich bekam für meine letzten Rubel eine Fahrkarte Nowosseliza, Lwow, Przemysl, Warschau, Berlin. Ich stieg in den Zug. Der Komsomolze stand auf dem Bahnsteig und winkte. Fernweh sprach aus seinen Augen. 

Bahnhof von Nowosseliza. Foto: Harald Wessel

Der Fernzug hatte einen polnischen Speisewagen, der aber erst hinter der sowjetisch-polnischen Grenze in Przemysl geöffnet würde. Als der polnische Steward verstanden hatte, daß ich mit DDR-Mark zahlen würde, bekam ich ein Rührei mit viel Speck im noch geschlossenen Wagen. – Zeit zum Grübeln. Bis Przemysl war Ernst Schubert, mein Großvater mütterlicherseits, während des ersten Weltkrieges mit seinem Militärgespann gelangt. Dort hatte er Leichen einsammeln müssen und sich selbst eine Verwundung eingefangen. Mein Vater wiederum war vor dem zweiten Weltkrieg als Fernfahrer mit Schwerlaster nebst Anhänger sogar über Przemysl hinaus bis Lwow gekommen. 

Was ist eigentlich mit der Spurbreite dieses Fernzuges nach Warschau? Wann und wie wird er von der breiten russisch/sowjetischen auf die schmalere polnische und europäische Spur der Bahngleise umgestellt werden? Von Brest wußte ich, daß es dort eine „Umachshalle“ gibt, in der die Güter- und Personenwagen relativ rasch auf andere Fahrgestelle umgehoben werden, um die Fahrt auf den Gleisen der anderen Spurbreite fortsetzen zu können. Wie würde das zwischen Lwow und Przemysl sein? – Ich habe es nie erfahren. 

Kaum war der Zug in Lwow eingefahren, hörte ich meinen Namen. Auf dem Bahnsteig gestikulierten der Lokalreporter der großen Moskauer Zeitung und sein Fahrer. Sie winkten mich aus dem Zug. Das gehe doch nicht. Ich könne doch nicht über die sowjetisch-polnische Grenze aus der UdSSR ausreisen. Mein Rückflug via Kiew sei doch OK gebucht. Genau, der Mann hatte ja noch mein Interflug-Ticket. Sollte er inzwischen wirklich die Buchungen für den Rückflug geschafft haben? Gutgläubig, wie ich meist bin, vertraute ich dem Gerede und stieg aus dem gemütlichen Fernzug. Ein blöder Fehler!

Auf der Fahrt vom Bahnhof zum Flughafen Lwow ließ sich der Kollege (mein Betreuer!) irgendwo in der Stadt absetzen. Er gehe zur Freundin, grinste sein Chauffeur. Der brachte mich zum Airport, gab mir das Flugticket und brauste davon. Nichts war OK gebucht! Die Dame im Flughafen raufte sich ihr schönes Haar und telefonierte endlos. Kein Flug mehr nach Kiew, kein Hotelzimmer, eine kleine Katastrophe. 

Im Warteraum für Nomenklatur-Kader (VIP) sammelte sich derweil eine Gruppe hoher und höchster Offiziere der Sowjetarmee. Einer bemerkte das Dilemma, in dem ich steckte, legte seinen Arm um meine Schulter und zog mich in den VIP-Raum. Dort, zwischen tiefroten Plüschsesseln, war unter dem obligaten Breshnew-Porträt eine Tafel angerichtet – mit netten Schnitten, mit Gurken, Speck, geräuchertem Fisch und viel Wodka – auch dem ukrainischen hochprozentigen roten Chili-Wodka. Man stieß auf die DDR an, wo die Versorgung der Sowjetarmee stets vorbildlich funktioniere. 

Nach dem dritten oder vierten Glas kam die unvermeidliche militärgeschichtliche Kritik an Stalin. Der höchstrangige Offizier gab das Stichwort zu solcher nostalgischen Oral History: Hamburg 1945! Innerhalb von zehn Tagen seien sowjetische Panzerkeile damals durch ganz Mecklenburg, von der Oder bis nach Wismar vorgestoßen. Am 2. Mai 1945 habe man die Linie Wismar/Schwerin erreicht. Und da sei Stalins Befehl ergangen, sofort anzuhalten, obwohl bis zum 8. Mai 1945 genügend Zeit gewesen wäre, Hamburg zu erreichen und vor den Briten zu besetzen. Ja, wenn sich die Politik ins Militärische einmische! Ohne Stalins „Stopp!“ würde Hamburg zur DDR gehören!

Ich griff mir noch ein Stück Räucherfisch und nickte kauend. Ein anderer Offizier erinnerte an Hitlers militärisch unverständliche Einmischung 1940 in die Operation bei Dünkirchen. Statt das eingekesselte britische Expeditionskorps gefangenzunehmen, habe Hitler Churchill gestattet, etwa 250.000 englische Soldaten über den Kanal von Frankreich auf die britische Insel zu evakuieren. – Die Runde schenkte noch einmal ein. Jemand meinte, wenn ich kein Flugzeug nach Berlin fände, solle ich doch einfach mal mit ihnen fliegen – nach Fernost!

Als irgendwann kurz vor oder nach Mitternacht draußen ein Düsenjet landete, griffen die Genossen Offiziere nach ihren Ledertaschen und Mützen, ordneten die Uniformen und verließen im Gänsemarsch den Warteraum. Minuten später heulten die Triebwerke auf, die Militärmaschine hob donnernd wieder ab und flog davon – dem Morgenrot entgegen, nach Fernost. Ich blieb zurück, ohne Hamburger Hafen und vor allem ohne ein Hotelbett für den Rest der Nacht.

Eine grantige Reinemachfrau kam in den roten Salon und zeigte mir den Ausgang. Recht hatte sie – ein VIP-Raum ist doch kein Obdachlosenasyl. Der Flughafen machte dicht. Ich fand nahebei die Parkbank, legte den Kopf auf die Reisetasche und schlief ein. 

Umspuren eines polnischen Waggons im weißrussischen Brest
Foto: Reinhard Dietrich über Wikimedia commons CC BY-SA 3.0

Daß mich die nette Aroflot-Dame im Morgengrauen von der Bank holte und in die alte Iljuschin mit den Weinkisten verfrachtete, habe ich schon erwähnt. Nachdem diese Maschine scheppernd in Kiew gelandet war, lotste mich einer der Piloten durch die Kisten und Kartons aufs Flugfeld, steckte mir zwei Flaschen Muskateller in die Jackentaschen und brachte mich in die Empfangshalle des Flughafens, wo ich – nun ohne Rubel – den 8. Juli 1977 mit dem vergeblichen Versuch zubrachte, ein OK für irgendeinen Flug nach Berlin zu bekommen. 

Bei bärtigen Trassenbauern
Doch es gab da einen kleinen Laden des staatlichen sowjetischen Reisebüros Intourist, dem enge Beziehungen zum Geheimdienst KGB nachgesagt wurden. Nachmittags beschrieb ich dem emsigen Intourist-Mitarbeiter, der auch gut Englisch sprach, meine zweitägige Odyssee von Lwow, über Nowosseliza, nach Lwow und Kiew. Ich bot ihm eine der Muskateller-Flaschen an, die der drahtige Mann freundlich zurückwies. Ich solle Geduld haben, er werde einen Weg für mich finden. Meinen grünen DDR-Dienstpaß und das Interflug-Ticketheft nahm er an sich. 

Die Stunden verrannen. Es wurde Abend. Nach und nach verschwanden die Angestellten des Flughafens. Nur der Intourist-Mann blieb rund um die Uhr aktiv – ein Phänomen! Dann, in der Nacht zum 9. Juli 1977, wedelte er mit meinem Paß und winkte mich zu sich. Wir passierten zwei sorgsam verschlossene Metallgittertüren und standen auf dem Flugfeld. Dort wurde eine Maschine der Interflug betankt. Der Intourist-Zauberer gab einer Stewardeß meine Papiere. Ich gab ihm dankbar die Hand und die Flasche Muskateller. 

Ein Notsitz wurde ausgeklappt, auf dem ich mich festschnallte. Es gab einen Happen zu essen. Rundum schnarchten bärtige junge Männer – Trassenbauer aus der DDR, die für die Sowjetunion eine Erdgasleitung durch die Ukraine legten. Einige Maschinen der Interflug besorgten – weitgehend ohne sowjetische Kontrollen – den Peronalaustausch wie den Nachschub an Proviant und Ersatzteilen zu den Baustellen. Die Düsentriebwerke heulten auf. Mit viel Schub jagte der Flieger in den Himmel. Als der Morgen graute, landeten wir in Berlin-Schönefeld. 

Später, wenn ich in „meinem Klub“ vom Lemberger Abenteuer berichtete, habe ich immer steif und fest behauptet, ich sei am 9. Juli 1977 ohne Grenzkontrolle und ohne sowjetischen Ausreisestempel aus der streng gehüteten UdSSR ausgereist. Ohne Kontrolle durch einen Grenzsoldaten – richtig. Ohne Stempel – falsch. Als ich jetzt meinen alten Dienstreisepaß noch einmal genau durchsah, entdeckte ich den auf den 9. Juli 1977 datierten Kiewer Ausreise-Stempel-Abdruck. Wie kam er in den Paß? Vermutlich besaß der omnipotente Intourist-Mann für alle Fälle einen Grenzer-Stempel und hat mich gleichsam in Vertretung der sowjetischen Grenzbeamten korrekt abgefertigt.

Im „Klub“ habe ich oft auch mein Traumbild auf der Lwower Parkbank beschrieben: ein gigantisches rotes Plüschsofa, das von Kaliningrad (Königsberg) im Westen bis nach Wladiwostok im fernen Osten reichte; darauf in voller Länge ausgestreckt ein dösender Oblomow (Held des 1859 erschienenen Romans des russischen Schriftstellers Iwan Alexandrowitsch Gontscharow/1812 bis 1891). Die späten Breshnew-Jahre werden oft „Zeit der Stagnation“ genannt. Sie waren auch ein Rückfall in die alte russische Oblomowerei (Oblomowschtschina). Tatkräftige Anti-Oblomows hingegen schienen in die Minderheit geraten zu sein. 

Bis heute (2012) bleibt rätselhaft, warum man mich damals in Lwow so hektisch aus dem Zug geholt hat. Aus Schlamperei? Bosheit? Wegen des Wechsels der Spurbreite? Oder aus ganz anderen, geschichtlichen Gründen? 

Als die DDR ab 1984 bei Mukran auf Rügen den „größten Eisenbahn-Fährhaften der Welt“ baute, wurde dort gleich auch eine neue „Umachshalle“ errichtet (Um-achs-halle = Anlage zum Wechsel der Waggon-Fahrgestelle/Radsätze mit Achsen verschiedener Spurbreite). Die Anlage mit hoher Kapazität machte es möglich, daß die Güterzüge aus der DDR in Klaipeda (Memel) von der Fähre direkt ins sowjetische Eisenbahnnetz rollen konnten. Die älteren „Umachsanlagen“ an der sowjetischen Landesgrenze bildeten offensichtlich ein Nadelöhr im Transportsystem. Vielleicht war der Spurbreitenwechsel zwischen Lwow und Przemysl einfach nicht vorzeigbar?

Sehr viel später lernte ich von Bogdan Musial (Jahrgang 1960), daß auch noch nach dem zweiten Weltkrieg eine Normalspur-Strecke bis Lwow reichte und daß ab 1945 auf dieser Strecke Güterzüge mit demontierten deutschen Industrieanlagen in die UdSSR gelangten. Die sowjetische Beutekommission verfrachtete weit mehr Anlagen nach Lwow, als dort für den Weitertransport in die Weiten des Sowjetreiches umgeladen werden konnten. 

„So hatte man bereits im August 1945“, schreibt der polnische Historiker Musial gestützt auf sowjetische Akten, „bei einer Kontrolle des Zwischenlagers in Lemberg äußerst grobe Mißstände bei der Entladung und Zwischenlagerung von 1337 Waggons festgestellt“. Die Beutegüter seien nicht ordentlich entladen, sondern einfach auf den Boden geworfen und auf dem Gelände des Zwischenlagers unter freiem Himmel abgelegt worden. In den nächsten Monaten habe sich wenig geändert, „trotz der mahnenden Berichte und Aufforderungen“ (Bogdan Musial: Stalins Beutezug/Die Plünderung Deutschlands und der Aufstieg der Sowjetunion zur Weltmacht. Propyläen Verlag, Berlin 2010, Seite 343). 

Lag das verrostete und verrottete Zeug im Jahre 1977 etwa immer noch an der Bahnstrecke zwischen Lwow und Przemysl? – Zugegeben, eine giftende, von Ressentiments getragene Vermutung; immerhin hatte es unter Stalins Nachfolger Chruschtschow auch in der UdSSR ein Dezennium mit eigenständig innovativem und produktivem Aufbruch gegeben…

Harald Wessel (1930 bis 2021) war einer der wichtigsten politischen Journalisten der DDR, Wissenschaftsredakteur und stellvertretender Chefredakteur der Zeitung „Neues Deutschland“. Er hat umfangreiche Memoiren unter dem Titel „Doppelt befreit“ hinterlassen. Sie besitzen einen hohen zeitgeschichtlichen Wert, sind aber Fragment geblieben. Der Text des hier veröffentlichten Auszuges war im Jahr 2012 fertiggestellt.