Aufstand der Gästehandtücher

Reinhold Beckmann, jenes Wesen, das man so leicht mit einem anderen namens Johannes B. Kerner verwechselt, gibt vor, ein Mensch zu sein. Doch das stimmt nicht. Laut einer Pressemitteilung der Versicherungsgruppe WWK vom 1. März 2006 handelt es sich bei Beckmann um ein „Testimonial". Wir zitieren den unsererseits aus Gründen der Sprachpflege leicht redigierten WWK-Botschaftsversuch: „Die WWK-Versicherungsgruppe startet in diesen Tagen ihre neue Werbekampagne mit neuem Testimonial: Der beliebte Fußballmoderator und Talkmaster Reinhold Beckmann kommentiert als neutraler Beobachter das moderne Leben mit seinen veränderten und manchmal beängstigenden Rahmenbedingungen und Zukunftsperspektiven und leitet über zur WWK-Kompetenz bzw. auf die passende WWK-Lösung. So vermittelt er trotz der Unberechenbarkeit des Lebens Sicherheit durch die WWK." Wie ein „Testimonial" zur passenden WWK-Lösung überleiten kann, zeigte Beckmann am 20. März in der nach ihm benannten ARD-Sendung. Gemeinsam mit der ZDF-Moderatorin Nina Ruge beharkte er Norbert Blüm, den vormaligen CDU-Minister, der mit Fug und natürlich mit Recht als der letzte prominente Sozialdemokrat des Landes neben Heiner Geißler bezeichnet werden darf. Blüm verteidigte das bisherige Rentenmodell gegenüber den Forderungen nach „privater Vorsorge", die nach seiner Darstellung - und auch in der Realität - nur den am Geschäft beteiligten Versicherungen nützen. Beckmann und Ruge redeten auf Blüm ein, als sei er ein Hinterwäldler, der vom heutigen Leben nichts weiß. Blüm verteidigte sich wacker, doch das Beckmann-Ruge-Duo ließ nicht nach - zwei Journalistendarsteller, die ansonsten regelmäßig im After ihres Gegenübers verschwunden sind, bevor dieses bis drei zählen kann. Zuschauer suchten eine Erklärung für diesen Aufstand der Gästehandtücher. Kaum einer wußte: Hier waren zwei „Testimonials" am Werk. Nina Ruge ließ sich schon 2003 für die WWK einspannen, Reinhold Beckmann folgte ihr 2006. Und das wichtigste ist, die WWK buhlt um das Geschäft mit der „privaten Altersvorsorge". Wie heißte es doch zu Beckmanns Aufgabe als „Testimonial" in besagter Pressemitteilung? „Wenngleich die Notwendigkeit einer privaten Altersvorsorge mittlerweile im Bewußtsein der Deutschen verankert ist, so setzt sich der Großteil der Bevölkerung dennoch nicht gerne freiwillig mit Finanzprodukten auseinander, sondern verläßt sich auf die kompetente Beratung durch einen vertrauenswürdigen Vermittler... Die Kernbotschaft aller Anzeigenmotive: Mit der WWK und Reinhold Beckmann navigieren Sie sicher auch durch stürmische Zeiten des Lebens." Uff. Zahler von Rundfunkgebühren werden sich vielleicht fragen, warum so ein „Testimonial" auch ihr Geld einstreichen darf und ob nicht etwa Tatbestände vorliegen könnten, die neben den Verantwortlichen öffentlich-rechtlicher Sender auch die Staatsanwälte auf den Plan rufen müßten. Letzteres weiß der Henker bzw. die Juristen. Wir wissen, was uns „Langenscheidts enzyklopädisches Wörterbuch der englischen und deutschen Sprache" in seiner ersten Auflage von 1963 auf Seite 1478 zum englischen „testimonial" so alles anbietet. Mit lebenden Wesen hat keine der Übersetzungsvarianten zu tun, die von „Zeugnis" über „Empfehlungsschreiben" bis zu „Ehrengabe für öffentliche Anerkennung (Geldgeschenk etc.)" reichen.