Löhne aus der Armenkasse

In Zeiten von Hartz IV, sog. Ein-Euro-Jobs und geplanter „Kombi-Löhne" ist bemerkenswert, was Otto Rühle in seinem bis heute nicht übertroffenen fast 600seitigen Hauptwerk „Illustrierte Kultur- und Sittengeschichte des Proletariats" über Verhältnisse im England des frühen 19. Jahrhunderts mitteilte. Das Buch erschien 1930, mit einem Vorwort von Anatoli Lunatscharski, im Neuen Deutschen Verlag, den Willi Münzenberg leitete. Wir zitieren eine Passage aus der Seite 78: Zwei Methoden hatten sich in der Funktion der Armenpflege mit der Zeit herausgebildet: das Zuschußsystem, das so funktionierte, daß die Armenordnung den Arbeitern, die im Dienste der Unternehmer zu niedrig entlohnt wurden, einen Zuschuß zahlte, damit sie den Normallohn erreichten, und das Aufteilungssystem, bei dem die Großen der Gemeinde den Vorrat menschlicher Arbeitskraft sozusagen als ihnen gehörigen gemeinsamen Fonds betrachteten, den sie unter sich aufteilten. Konnte man von der Wirkung des ersten Systems sagen, daß "die Löhne (teilweise) aus der Armenkasse bezahlt wurden" so traf für das zweite zu, daß nach ihm die , Arbeiter "wie Sklaven verauktioniert" wurden. So oder so war der Arbeiter in erster Linie Empfänger von Armenunterstützung und erst in zweiter Linie Lohnarbeiter. Die Praxis gestaltete sich so, daß ein arbeitsloser Pauper, der sich an das, Armenamt um Hilfe wandte, von diesem mit einem Billet zu einem Arbeitgeber geschickt wurde, der ihn beschäftigte und ihm einen Lohn zahlte, den die Armenbehörde bestimmte und der sich nicht nach dem Werte der geleisteten Arbeit, sondern nach den allerminimalsten Bedürfnissen des Arbeiters richtete. Durch das Billet verpflichtete sich die Armenverwaltung, dem Arbeitgeber den Betrag, den er über eine bestimmte Summe hinaus an Lohn zahlte, zu ersetzen. "Eine Vereinfachung des Systems bestand darin, daß die Armenordnung allwöchentlich oder allmonatlich sämtliche Arbeitslosen der Gemeinde verauktionierte und dann den Unterschied zwischen dem Preise, den sie auf der Auktion erzielten, und der für ihren Unterhalt erforderlichen Summe aus der Armenkasse zuschoß. Zur Vereinfachung des Systems gehörte auch, daß in vielen Landgemeinden die Landleute alle ihre ,freien' Arbeiter nach und nach entließen und sie dann auf der Armenordnungsauktion als Billetmänner für ein paar Groschen den Tag wieder erstanden und den Rest ihres Unterhaltes kollektiv als Armengeld bezahlen ließen"... Auf diese Weise erhielten die Unternehmer Arbeitskräfte gegen Spottlohn; außerdem waren sie gegen jede Lohnforderung, jede Arbeitsverweigerung, jeden Streik gesichert. Sobald die Arbeiter wegen zu niedriger Entlohnung oder aus anderer Ursache aufsässig wurden, setzte der Unternehmer sie an die Luft. Da sie ihrer Freizügigkeit beraubt waren, blieb ihnen, wenn sie nicht Hungers sterben wollten, nur übrig, sich beim Armenamt zu melden. Dort erhielten sie ein Billet, das sie wieder in die Klauen des Unternehmers führte, dem sie soeben entronnen waren.