"Sagen von Unirdischen"

"Man kann sich kaum vorstellen, was die SED dazu meinte, daß die von ihr propagierte Friedenswelt allein im fernen, märchenhaften Weltall denkbar sei." Den Satz schreibt Sabine Brandt in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" vom 29. Mai 2006 über Anna Seghers´ Erzählung "Sagen von Unirdischen". Die Zeitung hatte der Frau den Band der Seghers Werkausgabe mit den "Erzählungen 1967-1980" aus dem Berliner Aufbau-Verlag (Preis 35 Euro) zur Rezension überlassen.

Ja, was wird die SED dazu wohl gemeint haben? Eines ist Tatsache: Die SED ließ diese Erzählung aus dem Jahre 1970 drucken. Sie war zum Beispiel in dem Seghers-Bändchen "Der Räuber Woynok. Sagen und Legenden" enthalten, dessen zweite Auflage aus dem Jahr 1978 bei uns im Bücherschrank steht. Die Sammlung gehörte damals zum "bb-Taschenbuchprogamm" des Aufbau-Verlages und wurde zum Preis von 1,85 DDR-Mark verkauft.

Aber was weiß Sabine Brandt überhaupt? Sie reproduziert in ihrem Text sogar die Verleumdungen der Seghers, die der einstige Leiter des Aufbau-Verlages Walter Janka ab 1989 durch den deutschsprachigen Raum geschickt hatte. Angesichts von Jankas Verhaftung 1956 habe Anna Seghers "nicht die Stimme erhoben", lesen wir im Jahr 2006 - so wie es auch in Jankas Wendeschrift "Schwierigkeiten mit der Wahrheit" (Rowohlt Verlag 1989, Aufbau-Verlag 1990) steht. Janka aber mußte sich berichtigen, was er möglichst abseitig tat. Im Dokumententeil seines Buches "Die Unterwerfung" (Carl Hanser Verlag, München) von 1994 verbuddelte er folgende Passage aus einem Bericht der DDR-Staatssicherheit mit dem Gesellschaftlichen Informator (GI) "Kurt" vom 11. Dezember 1956: "Man spricht vor allen Dingen darüber, ob die Verhaftung von Janka richtig war. Die Schriftstellerin Anna Seghers wäre jetzt bei allen geführten Diskussionen sehr scharf und offen. Sie würde jedem das sagen, was sie denkt."

Beim GI "Kurt" handelte es sich im übrigen um Klaus Gysi, der Nachfolger des verhafteten Janka als Chef des Aufbau-Verlages und später sogar DDR-Kulturminister wurde. Vater von Gregor Gysi war er damals schon.