Güntis Firewall

Sollte man vorschlagen, den Namen "Günter Grass" in den Zeitungen zeitweise nur noch mit zwei Runen am Ende zu schreiben? Geschähe dies, hätte es immerhin eine sympathische Folge: Die Reklamekraft des späten Bekenntnisses unseres alten Danzigers für den bald beginnenden Verkauf seiner Autobiographie ließe sich mindern. Doch der - ich gebe zu: nur bedingt lustige - Vorschlag kann nicht unterbreitet werden. Es ist das Strafrecht davor, das den Gebrauch "verfassungsfeindlicher Symbole" in seiner Auslegung durch deutsche Staatsanwälte auch für löbliche Zwecke unterbindet. Der Vorschlag wäre also nicht praktikabel und würde, was Deutschland betrifft, auch nicht aufgegriffen werden. Denn im FAZ-Interview mit Frank Schirrmacher hat der in Sachen Antifaschismus Unübertreffbare auch seine Verläßlichkeit als Antikommunist bekräftigt. Güntis Firewall steht. Ihm wird nichts passieren.

Man sieht es schon daran, daß keine deutsche Zeitung die am nächsten liegende Frage stellt: Wie kann ein seit Jahrzehnten international bekannter Schriftsteller von öffentlicher Bekanntmachung seiner einstigen Mitgliedschaft in der Waffen-SS, einer verbrecherischen Organisation immerhin, verschont bleiben? Mir fallen spontan acht Geheimdienste ein - nur einer von ihnen ist nicht mehr am Leben -, die sich für den Mann seit langem interessiert haben müssen. Geheimdienste interessieren sich immer für Schriftsteller, vor allen für solche mit verstärktem außerliterarischen Äußerungsdrang (der allerdings auch wieder eine Folge dieses Interesses sein kann). Und Geheimdienste kommen an die Akten, die über die Objekte ihrer Begierden angelegt worden sind. Die Frage muß deshalb erlaubt sein: Warum hat Grass nicht längst eine Klatsche in Sachen Waffen-SS gekriegt, wohl aber den Nobelpreis?

Jetzt bekäme er den nicht mehr. Weil er ihn aber hat, ist das egal. Auch gilt die Sache mit der Waffen-SS als so schlimm nicht mehr. Selbst der Papst, so wissen wir, war in der HJ und ist dafür entschuldigt. Grass will mit Ratzingers Sepp im Kriegsgefangenenlager sogar in einer Grube gewürfelt haben. Und auch "Der Führer" war nur ein Mensch, der Schokolade aß und Eva Braun einmal küßte. "Der Untergang" als Film hat es gezeigt, gelobt von Frank Schirrmacher als "Meisterwerk" und überdies als "Meilenstein". Und da gibt es schließlich Arno Breker in Schwerin mit seiner ersten richtigen Schau nach dem Kriege, ein "event", bei dem nur die Zahl zahlender Besucher noch zählt. Soll sich da ein geringer Makel wie das Zugehören zur Waffen-SS nicht in Form eines kommoden Skandals in Werbekraft ausmünzen lassen?

Bei einem jungen Menschen, der die Pubertät noch nicht richtig hinter sich hat, muß die Unschuld vermutet werden. Bei einem fast 80jährigen Mann, der sich am Lichte seiner Rolle eines Großgurus sonnt, gilt dieses für seine heutigen Taten keinesfalls - und auch nicht für seine Ansicht, "die Deutschen" seien für Hitler und die Naziverbrechen verantwortlich gewesen