„Hungerlöhne für den Wirtschaftsaufbau"

Die Löhne in Deutschland sind zu hoch. Man hört die Klage jeden lieben Tag. Auch Adolf Hitler widmete sich schon dem Problem, das heute Edelmenschen wie Reinhard Mohn, die Leute aus dessen Bertelsmann-Stiftung, Einflußprofessoren der „angebotsorientierten" Richtung und allerhand Fernsehmodratoren umtreibt. Sehr schlüssig beschrieben worden ist Hitlers Vorgehensweise von dem deutschen Kommunisten Paul Merker in dessen zweibändigen Werk „Deutschland - Sein oder Nichtsein?". Die Darstellung des politischen Flüchtlings Paul Merker erschien 1944 in Mexiko im Verlag EL LIBRO LIBRE. Wir zitieren nach der Orginalausgabe, Band 1, Seiten 349 ff., woraus sich Seltsamkeiten der Schreibweise erklären. Die Arbeitsbeschaffung war das erste Wirtschaftsproblem, vor das sich Hitler gestellt sah. Aber wie sollte er bei dem langsamen Anstei-gen der Wirtschaftskonjunktur und bei leeren Staats- und Kreditkassen Arbeitsmoeglichkeiten beschaffen? Anfangs half sich Hitler mit der zwangsweisen Zurueckfuehrung von Erwerbslosen in die Betriebe. Jeder Unternehmer wurde zur Einstellung einer bestimmten Anzahl von Erwerbslosen verpflichtet. Fuer die zusätzlichen Lohnkosten erhielt er eine Ausgleichszahlung aus der Kasse der sogenannten „Arbeitslosenhilfe", die durch weitere Lohnabzuege von drei Prozent gespeist wurde. Die erste Steuer, die Hitler einfuehrte, war diese zusaetzliche Lohnsteuer. Die zwangsweise eingestellten Erwerbslosen hatten kein Recht auf Tarifloehne. Sie erhielten eine Bezahlung, die nur wenig hoeher war als die Erwerbslosenunterstuetzung, mit der sie bis dahin vegetiert hatten. Hitler teilte damit die Betriebsarbeiter in zwei Lager, die sich, da zu den Zwangseingestellten auch viele vorher erwerbslose SA-Leute gehoerten, gegenseitig misstrauisch betrachteten. Noch ehe die betriebsstaendigen Arbeiter die veraenderten Verhaeltnisse richtig erfassen und beginnen konnten, ihre zwangseingestellten Kollegen fuer die gemeinsame Forderung auf Zahlung der Tarifloehne an alle zu gewinnen, nahmen die Unternehmer ihrerseits eine Angleichung der Loehne beider Arbeitergruppen vor. In Uebereinstimmung mit den nazistischen Betriebsraeten erklaerten sie, die betriebsstaendigen Arbeiter seien zur Solidaritaet mit den Zwangseingestellten verpflichtet und fuehrten zu diesem Zwecke eine Senkung der Loehne der betriebsstaendigen Arbeiter durch. Diese Angleichung der Loehne brachte den Unternehmern schon nach kurzer Zeit grosse Ueberprofite. Zum Beispiel erhoehte die I.G. Farben ihre Belegschaft in der Zeit vom Oktober 1932 bis Maerz 1934 von 45.000 auf 60.000 Mann. Die Lohnsumme stieg jedoch in derselben Zeit nur von 172.980.000 Mark auf 175.310.000 Mark. Die im Jahre 1933 in den Betrieben der I.G.Farben beschaeftigten 55-60.000 Arbeiter verdienten danach nur 2,5 Millionen Mark mehr als die im Jahre 1932 beschaeftigten 45.000 Arbeiter. Die Lohnsumme haette aber schon bei einer Erhoehung der Belegschaft um nur 10.000 Mann und bei Weiterbezahlung der bisherigen Tarifloehne um 17 Millionen Mark ansteigen muessen. Der Siemens-Konzern erhoehte seine Arbeiterzahl im Jahre 1933 um 4.000 Mann. Die Lohnsumme aber sank in derselben Zeit von 131.520.000 Mark auf 112.810.000 Mark, oder um 18.710.000 Mark. Bei Krupp stieg die Belegschaft im Jahre 1933 um 8.000 Mann, die Lohnsumme aber sank von 69,5 auf 67,4 Millionen Mark. Im Hoesch-Konzern stieg die Arbeiterzahl um 1.300 Mann, die Lohnsumme aber sank von 43.600.000 auf 38.190.000 Mark. Im Flick-Konzern stieg die Zahl der Arbeiter sogar von 9.000 auf 16.000, die Lohnsumme aber sank von 11.840.000 auf 11.460.000 Mark. Die Durchschnittsloehne der Arbeiter sanken im Jahre 1933 bei der Guten Hoffnungshuette in Oberhausen um 34,7 Prozent, in der Hoesch A.G. um 17,9 Prozent, bei Krupp um 21,3 und bei der I.G.Farbenindustrie um 23,4 Prozent. Die Nazifuehrer konnten nicht umhin, den neuen ungeheuren Lohnraub zuzugeben, der unter der Flagge der „gegenseitigen Solidaritaet der Arbeiter" veruebt wurde. Ley erklaerte am 10. April 1934 in Koeln: „Im Interesse des deutschen Wirtschaftsaufbaues werden teilweise Hungerloehne gezahlt." Goebbels sagte am 14. April 1934 nach einem Bericht der „Frankfurter Zeitung" im Rundfunk: „Der Arbeiter hat sich in diesen Monaten der Wiederingangsetzung unserer Produktion mit Loehnen begnuegen muessen, die nicht dazu ausreichten, ein dem Kulturstand unseres Volkes entsprechendes Lebensniveau zu erhalten." Die „Frankfurter Zeitung" schrieb am 17. Mai 1934 zu demselben Thema: „Was aber den jetzigen Aufschwung betrifft, so ver-dient ein Teil der neu eingestellten Arbeiter vorlaeufig nicht viel mehr an Lohn als zuvor an Arbeitslosenunterstuetzung." Den Lohnabbau beantworteten die Arbeiter in vielen Betrieben mit Streik. Eine der wichtigsten Bewegungen, die im Jahre 1933 durchgefuehrt wurde, war der Streik in den groessten Druckereibetrieben Berlins, bei Ullstein, Mosse und Scherl. Ihre Belegschaften legten zum Protest gegen den Angriff auf ihre Arbeitsbedingungen die Arbeit nieder. Ihre Forderungen waren: Abbau der Direktoren-Gehaelter, Aufhebung des angeordneten l0prozentigen Lohnabbaues und Entlassung einiger der Nazi-Partei angehoerenden hohen Angestellen, die eine besonders arbeiterfeindliche Haltung eingenommen hatten. Streiks gegen den Lohnabbau fanden u.a. auch statt: in dem Kupferhuettenwerk in Berlin-Oberschoeneweide, in der Knorrbremse-Berlin, in der Giesserei des Kruppwerkes in Essen, in den Opel-Automobilwerken in Frankfurt-Ruesselsheim und in den Akkumulatorenwerken in Hagen. Die Unruhe unter den Arbeitern veranlasste Hitler am 20. Januar 1934 zum Erlass des „Gesetzes zur Ordnung der nationalen Arbeit". Das Gesetz beseitigte das bestehende Tarifwesen. Die Direktion eines jeden Betriebes erhielt das Recht, in Zukunft alle Fragen der Arbeitsverhaeltnisse selbst zu entscheiden.