Ankunft des Erleuchteten

Über 100 000 Menschen feierten den „Tag der deutschen Einheit" in Schwerin, verbreiteten die meisten deutschen Zeitungen gleichlautend. Von wem stammt die Zählung? Von dpa, von ddp, vom Veranstalter, von der Polizei? Fotos, die Menschen in Menge zeigen, hatten Zeitungen, so weit uns zugänglich, nicht zu bieten, höchstens Bilder von Grüppchen mit schwarzrotgoldenen Winkelementen. Der FAZ war das angeblich so große Fest in ihrer Ausgabe vom 4. Oktober nur ein zweispaltiges Kästchen auf Seite 3 wert - ganz ohne Zahlenangabe, ganz ohne Fotos. Für Leute, die sich auskennen beim Zeitungsmachen, spricht das Bände - über die Nöte in einer Redaktion, die sich nicht mit einer „politischen Zahl" blamieren will. Das war in der letzten FAZ-Ausgabe alten Layouts. Ab heute gibt es ein neues, das angeblich drei Viertel der Leser wollten. „Der Souverän hat gesprochen" titelt FAZ-Herausgeber Werner D´Inka seinen Rechtfertigungsbeitrag zu diesem Thema in der FAZ-Webausgabe. Und in diesem Falle wird uns sogar gesagt, wer die Schäfchen gezählt hat: das Demoskopieinstitut in Allensbach. Ob dessen Feststellungen mehr wert sind als die der Zahlenfestleger von Schwerin, weiß der Fuchs. Zu vermuten ist, daß in beiden Fällen ein Verfahren angewandt worden ist, welches wir die Kim-Jong-il-Methode nennen wollen, da es das nördlichen Korea zu höchster Meisterschaft im Umgang mit der „politischen Zahl" gebracht haben soll. Und insofern ist es schon passend, wenn wir auf dem ersten Foto der ersten Seite 1 im neuen FAZ-Layout ja wen erblicken?, genau: den „geliebten Führer", bei dessen Geburt laut offizieller Kim-Jong-il-Biographie „ein doppelter Regenbogen und ein heiliger Stern die Ankunft des Erleuchteten" verkündete. Wenn das kein Aufbruch zu neuen Ufern ist.