Generalsekretär Putin

Der gemeine deutsche Journalist rätselt über die Geschehnisse in Moskau und hält es nicht für möglich. Aber es ist so: Putin läßt den Dualismus von führender Partei und Staat wiederaufleben. Die führende Partei ist führende Partei, weil sie den Staat führt, weil sie die Gesellschaft dominiert. Häuptling der führenden Partei - früher hieß das Generalsekretär - ist Wladimir Putin, der über der Staatsmacht steht, weil seine nationalkapitalistische Einheitspartei Rußlands über eine verfassungsändernde Mehrheit verfügt. Das heißt: Es ist eigentlich wurst, wer die höchsten Staatsämter ausübt - aber nicht ganz. Denn Putin muß auch die führende Partei führen. Dazu wird er vermutlich die Instrumente des Staates nutzen, das heißt den Geheimdienst, aus dem er kommt, Polizei, Armee und was sonst noch zur Verfügung steht. Damit lebt strukturell das Stalinsche Machtmodell wieder auf. Das aber spricht hierzulande niemand aus. Was auch gut ist. Denn das öffentliche Bekenntnis zu dieser Erkenntnis würde nicht ohne reflexhaftes Gesülze abgehen. Man muß aber weder ein Freund Stalins sein noch ein Liebhaber des Typus Putin, um anzuerkennen, daß in Moskau derzeit Regierungskunst am Werke ist, die Vorkehrungen trifft gegen einen möglichen Rückfall in die chaotischen und für den Rest der Welt bedrohlichen Zustände der Jelzinzeit. Rußland lernt von China, das es klug vermieden hat, dem Irrsinn des Gorbatschowschen Abrißunternehmens zu folgen. Und das spendet Hoffnung. Wenn die Russen und die anderen Völkerschaften ihres heutigen Reiches nun noch die Kunst des Getreideanbaus und der Errichtung von Scheunen wiedererlernten, wäre fast alles gut.