Rückblick, Christa Wolf

Bevor es der Vergessenheit anheimfällt: Nachdem der NATO-Luftkrieg gegen Jugoslawien begonnen hatte, veröffentliche die Tageszeitung  junge Welt am 25. März 1999 folgenden Kommentar:

Was sagen die Helden des Herbstes?

Der Krieg beginnt, die Leipziger Buchmesse ebenso

Wo sind sie, die Helden des Herbstes 1989? Was sagen eine Christa Wolf, ein Christoph Hein oder Stefan Heym heute? Es gibt doch wichtigen Anlaß, den Mund aufzumachen: Die Bundesrepublik Deutschland nimmt gerade an einem Angriffskrieg gegen einen souveränen Staat in Europa teil. Definitiv aufgekündigt ist der 1985 von Erich Honecker und Helmut Kohl besiegelte Konsens, daß von deutschem Boden nie wieder Krieg, sondern nur noch Frieden ausgehen darf.

Soll der zivilisatorische Fortschritt von einst nur noch als Fußnote der Geschichte gelten? Was meinen die Schriftsteller? Sind sie gegen diesen Krieg, oder sind sie dafür? Haben sie öffentliche Petitionen wie im Falle der Ausbürgerung Wolf Biermanns vor? Oder lassen sie das, weil es jetzt nur noch Westfernsehen gibt? Wollen sie vielleicht Kritik an den Medien üben, die fast unisono den Angriff bejahen, eine antiserbische Stimmung verbreiten und die Meinungsfreiheit niederbügeln? Wer schreibt sich jetzt den Rosa-Luxemburg-Satz von der Freiheit der Andersdenkenden auf die Fahne? Oder werden sie sich auf der Buchmesse, die jetzt in Leipzig beginnt, nur zu ihren eigenen Nöten äußern, zu eminenten Fragen wie der, heute nur »ostdeutsche Schriftsteller« genannt zu werden, wo sie doch früher als gesamtdeutsche galten.

Es gibt auch Leute, die fragen möchten: Wie seht Ihr Euren Anteil am heutigen Zustand, in einem kriegführenden Deutschland leben zu müssen. Das wolltet Ihr nicht? Nein, sicher nicht. Aber den Zauberlehrling Gorbatschow, den hat es gegeben, auch wenn er sich heute wie sein eigenes Wachsfigurendouble benimmt, und Ihr habt Euch als seine Lehrlinge bekannt: vor Hunderttausenden Menschen am 4. November 1989 auf dem Berliner Alexanderplatz. Alles nicht wahr? Alles nicht wichtig? Alles vergessen zehn Jahre danach, da in Jena immer noch »Poetik-Vorlesungen« mit Schriftstellern aus »einstigen Dikaturländern« veranstaltet werden, gesponsert von der Deutschen Bank und zum Beispiel mit Christa Wolf am Pult.

Aber das ließe sich alles später erörtern. Jetzt ist Krieg. Und keiner von den Helden des Herbstes sagt ein klares Wort.

Am 27. März veröffentliche die Zeitung den ersten Teil einer Umfrage unter dem Titel "Was sagen Künstler zum Krieg?". Es äußerten sich unter anderen Peter Hacks, Günter Grass, Martin Walser,  Hermann Kant, Stefan Heym, Christoph Hein, Fritz Rudolf Fries, Benno Pludra, Katharina Thalbach, Jo Jastram, Karl Gass, Jurij Brezan, Willi Sitte und Gisela May. Auch Christa Wolf erhielt ein Anfrage, auf die allerdings ihr Mann Gerhard Wolf am 26. März 1999 mit den folgenden zwei Sätzen antwortete:

»Dazu äußert sie sich ganz bestimmt nicht. Sie hat im Moment viel zu viel zu tun, daß sie ganz sicher dazu nichts sagt.«

Doch Gerhard Wolfs Frau überlegte es sich anders. Am 8. April 1999  druckte junge Welt eine "persönliche Stellungnahme" von Christa Wolf, die da lautete:

Das Spiel kommt mir bekannt vor: Immer, wenn Tatsachen geschaffen sind, die weder rückgängig gemacht werden können, noch in ihrem scheinbar gesetzmäßigen Ablauf ohne weiteres anzuhalten sind, ertönt lautstark die Frage, warum die Intellektuellen sich nicht endlich dazu äußern. Doch muß Sprachlosigkeit nicht ein Zeichen von Gleichgültigkeit oder Feigheit sein.

Der Luftkrieg der NATO gegen Jugoslawien, zum ersten Mal seit dem Zweiten Weltkrieg unter Beteiligung deutscher Kampfflugzeuge, ohne UNO-Mandat, ist nach meiner Ansicht eine so schwerwiegende Tatsache, daß wir alle ihre Auswirkungen noch nicht annähernd abschätzen können.

Allein die Entwertung der UNO kann nur verheerende Folgen haben, und was eine anhaltende Vereisung - wenn nicht Schlimmeres - des Verhältnisses »des Westens« zu Rußland bedeuten würde, wage ich mir kaum vorzustellen. Was ich mir aber vorstelle, weil ich es nämlich selbst erlebt habe, und was wie ein Film vor meinem inneren Auge in Sekundenbruchteilen ablief, als ich die Nachricht vom Beginn der Bombardements empfing: Menschen in Luftschutzkellern, Sirenen, Bombeneinschläge, Angst. Und Tote, Verwundete zu den Ermordeten in den Dörfern und Städten des Kosovo.

Und, auch das habe ich erlebt: Die Trecks der Vertriebenen, ihre Heimatlosigkeit, ihre Entbehrungen, ihre Angst. Ich fühle stark, ihnen helfen die Bomben nicht, so groß mein Abscheu gegen die serbische Soldateska ist, die diese Menschen auf Befehl und mit kalter Berechnung verfolgt und vertreibt. Ich war in dieser Sekunde auf seiten der Opfer auf beiden Seiten, und ich bin es bis heute.

Die Frage nach der Alternative, die einem wie eine Pistole auf die Brust gesetzt wird, kann ich nicht beantworten. Mir fehlen auch zuverlässige Informationen, und wenn ich die Sprache der Kriegsberichterstattung höre, nimmt mein Verdacht zu, daß wir manipuliert werden. Wenn man mich schon - per Fax und Telefon - nach meiner Meinung fragt, kann ich nur sagen: Ich sehe mich in eine Zwangslage gebracht, aus der ich keinen Ausweg weiß. Die eigentliche Frage wird heute nicht (mehr) gestellt: Wie sind wir in dieses historische Dilemma geraten? Warum wurden nicht vor Jahren die Wurzeln des militanten Nationalismus wahrgenommen und bekämpft, der nun die Region vernichtet? Auf dieses Warum würde es, glaube ich, eine Reihe von Antworten geben, welche Ohnmacht und Unschuld »des Westens«, unser aller Unschuld, sehr in Frage stellen würde. Nun bombt man auf die Folgen eigener Versäumnisse und Fehler und potenziert sie damit. Wie aber wird Europa aussehen nach diesem Krieg?

Das alles bedenkend, kann es einem, finde ich, schon die Sprache verschlagen.

Nicht wahr?