„… nicht auf Lyssenko hören!“

Aus Harald Wessels Memoiren „Doppelt befreit“: Episoden und Protagonisten der Auseinandersetzung mit Stalins Bio-Scharlatan in der DDR

Solange ich noch im Mühltal wohnte, kam ich täglich mindestens zweimal an einer abends meist hell erleuchteten Villa vorbei, die wie ein flacher Pavillon im parkähnlichen Garten lag. Das war zu dieser Zeit das Jenenser „Haus der Gesellschaft zum Studium der Kultur der Sowjetunion“. Später wurde der Langnamverein in „Gesellschaft für deutsch-sowjetische Freundschaft“ umgetauft. Daß dieser Jenenser „Klub“ überlaufen gewesen wäre, kann man nicht sagen. Doch eines abends (im Frühsommer oder Herbst 1949) war mächtig was los im Haus zum Studium sowjetischer Kultur. Besucher standen bis vor dem Eingang und an den offenen Türen zur Terrasse. Es gab Beifall und Buh-Rufe und lautes Gelächter.

Der Agrarwissenschaftler, Genetik und Züchtungsforscher Hans Stubbe (links) 1965 mit Walter Ulbricht auf dem V. SED-Parteitag. In der Mitte der Architekt Hermann Henselmann
Foto: ADN/Zentralbild Walter Heilig, Bundesarchiv, Bild 183-57000-0515 / CC-BY-SA 3.0

Von Neugier getrieben, ging ich in den Garten und fragte: „Was gibt’s denn hier?“ – „Disputation, Herr Kollege, eine echte Disputation, sehr kontrovers“. –„Wer streitet?“ – „Stubbe gegen Schneider. Stubbe liegt vorn.“ Also konnte es nur um Genetik gehen, um den „Kampf der Sowjet-Biologie gegen die bürgerliche formale Genetik“. Dieses – später legendär gewordene – Streitgespräch zwischen Schneider und Stubbe berührte Biologen wie Agronomen. Da mußte ich einfach bleiben – auch wenn die Disputanten von der Terrasse aus kaum zu sehen waren und ihre Bemerkungen oft im Lärm des Publikums untergingen.

Den Georg Schneider kannte ich schon – dem Namen nach bereits seit Juli 1947. Damals hatte mir mein Buchhändler in Langensalza eine gerade neu herausgekommene Zeitschrift gezeigt, die 90 Pfennige kosten würde und die man bei ihm abonnieren könne. Das 42 Seiten starke Heft trug den Titel: URANIA/MONATSSCHRIFT ÜBER NATUR UND GESELLSCHAFT. Dem Geleitwort „Zur neuen Folge“ war zu entnehmen, daß die im Oktober 1924 begründete und „vom Faschismus verbotene“ URANIA nach 14jähriger Unterbrechung nun wieder regelmäßig erscheinen werde – in der URANIA-VERLAG GMBH JENA. Das illustrierte Journal besaß eine Lizenz der SMAD. Und als „verantwortlich für die Schriftleitung“ war „Dr. Georg Schneider, Jena“ genannt.

Ich abonnierte die URANIA. Da mir ihr populärwissenschaftlicher Inhalt interessant, informativ und lehrreich erschien, kündigte ich den Dauerbezug der Zeitschrift auch dann nicht, als nach der Währungsreform (im Sommer 1948) das Geld knapp wurde, als mit Zigaretten-Schwarzhandel kaum noch etwas zu verdienen war und als ich im Oktober 1948 nach Jena ging. Im Buchladen am Ende der Langensalzaer Marktstraße wurden die URANIA-Hefte zuverlässig für mich aufgehoben. So entging mir auch ein Aufsatz nicht, den der Schriftleiter/Chefredakteur Georg Schneider selbst geschrieben und ins Dezember-Heft 1948 gestellt hatte: „Über die Vererbung erworbener Eigenschaften“ (Seiten 456 bis 460 des Jahrgangs 1948).

Aus diesem Artikel erfuhr ich zum ersten Mal, daß es einen russischen Agronomen namens Lyssenko gab, der auf einer „Tagung der Lenin-Akademie für Agrarwissenschaften“ im August 1948 in Moskau einen „richtungweisenden Vortrag“ gehalten habe. Sah man von dem ungewöhnlichen Attribut „richtungweisend“ ab, dann lasen sich Schneiders Mitteilungen über besagte Tagung wie der Bericht über einen normalen Meinungsstreit von Akademikern. Daß Schneider wie Lyssenko eher „lamarckistisch“ dachte, war nicht verwunderlich; denn der Richtungsstreit zwischen Neolamarckisten und Neodarwinisten währte schon seit fast einem halben Jahrhundert und wurde überall auf der Welt zwischen Vererbungsforschern mehr oder weniger heftig ausgetragen.

Ungewöhnlich fand ich an Schneiders Aufsatz zunächst nur die etwas platte Polemik gegen den Jenenser Zoologen Jürgen Harms (1885 bis 1956). Schneiders Hauptvorwurf: Professor Harms folge in seiner „Zoobiologie für Mediziner und Landwirte“ (Jena 1946) „noch immer dem völlig unhaltbaren Standpunkt Weismanns“. Gemeint war die Keimbahntheorie des berühmten Freiburger Mediziners und Zoologen August Weismann (1834 bis 1914). Das wollte ich genauer wissen. Und so führte Schneiders Polemik erst einmal dazu, daß ich mir das vorzügliche Hochschullehrbuch von Harms, auch Weismanns „Vorträge über Deszendenztheorie, gehalten an der Universität zu Freiburg im Breisgau“ (dritte Auflage, Jena 1913) und mehrere andere Standardwerke zulegte, die im Jenenser VERLAG VON GUSTAV FISCHER zu meiner Studienzeit noch zu haben waren.

Verursacher von Mißernten. Stalins Bio-Scharlatan, der Ukrainer Trofim Denissowitsch Lyssenko, 1938

Das Signet des GUSTAV-FISCHER-VERLAGES (ein gewundener Fisch mit der lateinischen Umschrift SEMPER BONIS ARTIBUS) war zu Beginn des 20. Jahrhunderts in so gut wie allen Universitätsbibliotken dieser Welt präsent. Gustav Fischer (1845 bis 1910) galt als der international führende Verleger biologischer und soziologischer Literatur. Der Verlag überlebte seinen Begründer. Zu DDR-Zeiten ging das internationale Geschäft naturgemäß zurück. Drucksachen des „Lyssenkoismus“ haben Fischers Nachfolger nie herausgegeben. Hin und wieder sollte das Editionshaus geschlossen werden. Doch es gab immer genügend Wissenschaftler (und Kulturfunktionäre!), die sich erfogreich für den VEB GUSTAV FISCHER VERLAG JENA verwendeten. Viele seiner Neuerscheinungen habe ich in NEUES DEUTSCHLAND annotierend oder rezensierend empfohlen.

Professor Jürgen Harms hielt in Jena brillante Vorlesungen zur Allgemeinen Zoologie. Auch fungierte er als „Prorektor für Studenten-Angelegenheiten“. Im Laufe des Jahres 1951 war zu hören, Harms würde bald für immer nach Kairo oder Marburg gehen, wo er zu Gastlektionen schon gewesen war. Ich suchte ihn auf und fragte, ob er mir bei der Beschaffung eines „Interzonen-Passes“ für eine Besuchsreise nach Wuppertal helfen könne. Harms half – ohne Umschweife. Mein Antrag mußte ins Russische übersetzt werden; denn offenbar hatte man in der sowjetischen Stadtkommandantur immer noch das letzte Wort. Jedenfalls konnte ich zu Weihnachten 1951 (bis Anfang 1952) wieder einmal in die Heimat fahren. Meinen Großvater Ernst Schubert sah ich damals zum letzten Mal.

Auch bei Schneider hatte ich gleich im ersten Semester eine Vorlesung belegt – zum Thema „Wirtschaftliche, politische und kulturelle Probleme der Sowjetunion“. Da der ehemalige Biologie-Lehrer wie sein Mentor Julius Schaxel (1887 bis 1943) vor den Nazis in die UdSSR geflohen war, hätte man gerade von ihm (Schneider) authentische Informationen über innere Probleme „unserer“ Besatzungsmacht erwarten können. Doch bei aller anekdotischen und humorvollen Anschaulichkeit blieb Schneiders Vorlesung einseitig und apologetisch. Kritik an Erscheinungsformen des Lebens in der Sowjetunion hätte ihm leicht als Kritik an Stalin ausgelegt werden können. Und das wollte der „gelernte Sowjetbürger“ nicht riskieren.

Gleichwohl war ich meiner Erinnerung nach nicht gegen Schneider voreingenommen, als wir die aufregende Disputation zwischen ihm und Stubbe erleben durften. Auch hätte ich mir ein eigenes Urteil zum neodarwinistisch-neolamarckistischen Richtungsstreit schon deshalb nicht zugetraut, weil einem nach zwei, drei Semestern Studium sowohl evolutionstheoretisch als auch molekulargenetisch die nötigen Vorkenntnisse fehlten. Ob Otto Schwarz, der Botaniker und neue Rektor der SALANA, die Disputation im Haus der Sowjetkultur moderiert hat (wie gelegentlich angenommen wird), kann ich weder bestätigen, noch dementieren. Meine Sicht auf die Akteure war zu schlecht.

Von Professor Schwarz hieß es, ihn habe man Ende 1948 vor allem deshalb zum Nachfolger des kurzzeitigen Rektors Friedrich Hund auserkoren, weil er – im Unterschied zu dem apolitischen Physiker – als aktives SED-Mitglied hervorgetreten war. Das wird wohl so gewesen sein. Doch Auswirkungen auf seine Haltung in der evolutionsbiologischen Kontroverse hatte das kaum. Otto Schwarz gehörte zwar dem Redaktionskollegium der URANIA an, konnte aber keineswegs als Parteigänger Georg Schneiders oder gar des Scharlatans Lyssenko gelten. „In Papierform“ war ich Otto Schwarz übrigens schon im ersten URANIA-Heft (vom Juli 1947) begegnet, zu dem er einen illustrierten Aufsatz „Zedern – nicht nur vom Libanon“ beigesteuert hatte, der mich – nach der Immatrikulation in Jena – dort gleich in den artenreichen Botanischen Garten trieb.

ND-Interview mit Hans Stubbe in der Ausgabe vom 26. Februar 1965

Den Genetiker und Mutationsforscher Hans Stubbe kannte ich damals nur vom Hörensagen. Man wußte, daß er in Gatersleben über Varianten (Mutanten) von Antirrhinum majus (Garten-Löwenmaul) forschte und eine Sammlung der Samen von Kulturpflanzen aufbaute. Doch was ich bei der Disputation im Jenenser Kulturhaus von Stubbe sah und hörte, nahm mich sofort für ihn ein. Er blieb immer sachlich, selbstbewußt und gelassen. Seine gutturale Stimme wurde nie schrill. Er ließ sich nicht provozieren. Seine Widerrede wirkte ungemein mutig, gerade weil sie auf persönliche Polemik verzichtete. Ein Mann mit Charisma! Und ihn sollte ich gut zehn Jahre später in Gatersleben persönlich kennenlernen.

Doch zunächst kaufte ich außer Fachbüchern aus dem GUSTAV FISCHER VERLAG JENA auch zwei deutschsprachige Drucksachen aus dem Moskauer VERLAG FÜR FREMDSPRACHIGE LITERATUR: Iwan Wladimirowitsch Mitschurin “Ausgewählte Werke“ (Moskau 1949, 492 Seiten) und „Die Lage in der biologischen Wissenschaft/Tagung der Lenin-Akademie der landwirtschaftlichen Wissenschaften der UdSSR/31. Juli – 7. August 1948/Stenographischer Bericht“ (Moskau 1949, 792 Seiten).

Mit den Arbeiten des russischen Pflanzenzüchters Mitschurin (1855 bis 1935) war damals in Jena kaum etwas anzufangen. Das Hauptziel seiner Arbeit hatte ab 1875 darin bestanden, Obstbäume und Beerensträucher zu gewinnen, die sich für den Norden des europäischen Rußands eigneten. Ihm ging es um eine Ausdehnung von Anbaugebieten – also primär um Akklimatisierung von Nutzpflanzen. Nach seinem Tode wurde der erfolgreiche Züchter zu einem „ideologischen Vorläufer“ Lyssenkos hochstilisiert. Lyssenko mißbrauchte den „ruhmreichen Mitschurin“ als Trittbrett zu eigenem Ruhm.

Den in grünes Kunstleder gebundenen „Stenographischen Bericht“ las ich 1950/51 mit zunehmendem Erschrecken. Da hatte ich also der Moskauer Kampagne „gegen Formalismus und Kosmopolitismus“ wegen die Architektur sausen lassen und war zur vermeintlich unpolitischen Biologie gewechselt – um nun erleben zu müssen, wie die Genetik einem irrational ideologischen Inquisitionstribunal unterworfen wurde.

Die Moskauer „Akademie-Tagung“ vom Sommer 1948 entpuppte sich als ein Schauprozeß, in dem Lyssenko als Hauptankläger und Richter zugleich fungierte, während den angeklagten sowjetischen Genetikern nur die Wahl blieb, entweder erniedrigende Selbstkritik zu üben oder in Straflager evakuiert zu werden. Das war ein Rückfall ins tiefste Mittelalter, ein infamer Angriff auf den Geist der Aufklärung und ein machtgieriger Verrat am emanzipatorischen Ideal der sozialistischen Bewegung. Also: Die Lektüre des grünen Wälzers ließ mich zum ebenso hartnäckigen und entschiedenen wie einfallsreichen Gegner Lyssenkos und des „schöpferischen Darwinismus“ sowjetischer Provenienz werden.

Am 19. Oktober 1950 gründeten drei Studentinnen und fünf Studenten, die fast durchweg Fachlehrer für Biologie werden wollten, in Jena eine Studiengruppe. Das war der neueste Schrei der Hochschulreform: Eine Gruppe von Studenten widmete sich selbstständig (ohne Lehrpersonal!) einem klar umrissenen Problembereich. Das Thema, mit dem wir uns ein Studienjahr lang wöchentlich zwei Stunden seminaristisch befassen wollten, lautete: „Geschichte der theoretischen Biologie“.

Wie ein Schauprozeß gegen die Genetik

Zum Leiter (Sekretär) der Studiengruppe wurde ich gewählt. Sigrid Dix, später verheiratet mit Klaus Hilbig (1930 bis 1986), dem Chefredakteur (zwischen 1965 und 1972) der legendären Studentenzeitung FORUM , führte die Anwesenheitsliste. Wir waren ein geistig reges und produktives Team. Da Studiengruppen einen programmatischen Namen tragen sollten, nannten wir uns demonstrativ (obgleich im Dunstkreis von Georg Schneider) „Ernst-Haeckel-Studiengruppe“ (und eben nicht „Mitschurin-“ oder gar „Lyssenko-Studiengruppe“)

Als ich ab Ende 1952 im MINISTERIUM FÜR VOLKSBILDUNG der DDR-Regierung damit befaßt war, Studienprogramme zur Ausbildung von Fachlehrern in Biologie, Chemie und Physik auszuarbeiten, stützte ich mich nicht auf das offizielle DEUTSCHE PÄDAGOGISCHE ZENTRALINSTITUT in Berlin (aus dem später die AKADEMIE DER PÄDAGOGISCHEN WISSENSCHAFTEN DER DDR hervorging), sondern auf spezielle Kommissionen von bewährten Fachleuten aus Schulen, Hochschulen und Universitäten. In der Fachkommission für Biologie gab es keinen einzigen Lyssenko-Anhänger.

Überhaupt hatte ich mir als „Ministerialbeamter“ angewöhnt, allen Biologen, denen man begegnete, die Gretchenfrage zu stellen: „Wie halten Sie es mit Lyssenko?“ Humorig treffend (und unvergeßlich) war die Antwort von Prof. Dr. Wolfgang R. Müller-Stoll (1909 bis 1994), der das Institut für Botanik an der PÄDAGOGISCHEN HOCHSCHULE in Potsdam leitete: „Aber Herr Wessel, haben Sie schon mal Salat auf der Palme wachsen sehen?!“

Während sich die politische Öffentlichkeit in Deutschland darüber stritt, ob der 17. Juni 1953 in der DDR ein „Volksaufstand gegen das SED-Regime“ oder ein „konterrevolutionärer Putschversuch“ gewesen sei, befaßte sich unsere „ministerielle“ Fachkommission Biologie mit der „sensationellen Entdeckung von Watson und Crick“. Dem amerikanischen Mediziner und Biochemiker James Dewey Watson (Jahrgang 1928) war es im Frühjahr 1953 gemeinsam mit dem britischen Biochemiker Francis Harry Compton Crick (1916 bis 2004) gelungen, per Röntgenanalyse die (räumliche) molekulare Struktur der für die Vererbung wichtigen DNS (Desoxyribonucleinsäure) zu bestimmen und ein plausibles Strukturmodell zu entwerfen: die berühmte Doppelhelix (eine „gewundene Strickleiter“ mit viererlei „Sprossen“, in deren Abfolge wichtige Erbinformationen gespeichert sind).

Die DDR gehörte zu den ersten Staaten, in denen die Doppelhelix Bestandteil der Programme zur Ausbildung von Biologie-Lehrern und der Biologie-Schullehrpläne wurde. Mit der Entdeckung von Watson und Crick aber war der Lyssenkoismus spätestens 1953 faktisch und schlagartig indiskutabel geworden. Doch in der sowjetischen Landwirtschaft konnte Lyssenko sich weiter als „Wunderheiler“ gerieren. Noch im Frühjahr 1963 beschloß das ZK der KPdSU – also die oberste Instanz der das weite Land regierenden Partei! – einen Aufruf an alle Agro-Betriebe zu „Fragen der Steigerung des Milchfettgehalts der Rinder nach der Methode von Akademiemitglied T.D. Lyssenko“, veröffentlicht in der Zeitschrift SELSKAJA SHISN (Landleben) vom 17. März 1963. Erst Ende 1964 verlor Stalins Bio-Scharlatan seinen destruktiven Einfluß auch in der UdSSR.

Nachdem Ende 1956 entschieden war, welches Thema meine Dissertation haben würde, lud mich der Genetiker und Stubbe-Schüler Helmut Böhme (1929 bis 2015) nach Gatersleben ein und gab mir die nötige molekulargenetische Nachhilfe für das naturphilosophische Thema. Böhme arbeitete mit Bakteriophagen („Bakterien fressenden Viren“). Es ist hier nicht der Raum, seine raffinierte Forschungstechnologie zu beschreiben. Sie erinnerte mich an detektivische Kombinatorik. Immerhin begriff ich, wie man Viren, die selbst unter dem Elektronenmikroskop nur schwer auszumachen sind, auf indirekte Weise ziemlich zuverlässig zählen kann. Und natürlich war uns in Gatersleben klar, welche riesige Bedeutung die Biologie künftig gewinnen und welche gigantischen Möglichkeiten sie eröffnen würde.

Zu Beginn des Darwin-Jahres 1959 bat mich die (1954 gegründete und 1966 in URANIA umbenannte) GESELLSCHAFT ZUR VERBREITUNG WISSENSCHAFTLICHER KENNTNISSE um ein „Referentenmaterial“ zum neuesten Stand der Evolutionstheorie. Ich lieferte die Disposition zu einem Votrag über dieses Thema, die in hoher Auflage gedruckt und an die Referenten der Gesellschaft in Städten und Landkreisen verteilt wurde. Etwa gleichzeitig bot mir das Babelsberger DEFA-STUDIO FÜR POPULÄRWISSENSCHAFTLICHE FILME einen Beratervertrag an, den ich schon deshalb unterschrieb, weil die Bedeutung solcher „Multiplikator-Medien“ für die öffentliche Meinungsbildung inzwischen sprunghaft gewachsen war.

Die Zusammenarbeit mit der DEFA dauerte bis 1969/70. Zuletzt ging es um einen vom DEUTSCHEN FERNSEHFUNK DER DDR in Auftrag gegebenen Film „DNS – Geheimschrift des Lebens“. Helmut Böhme, Erhard Geißler und ich trafen uns in Gatersleben, um zu überlegen, wie man die komplizierten molekulargenetischen Sachverhalte verständlich, aber nicht versimpelt ins Bild setzen könne. Meiner Erinnerung nach griff das DEFA-Studio für Kurzfilme damals unsere Ideen auf und schuf einen ausgezeichneten Film. Bei Gelegenheit unserer „Spinnstunden“ für den Film war ich letztmalig für mehrere Tage in Gatersleben.

Begonnen hatten meine Ausflüge ins INSTITUT FÜR KULTURPFLANZENFORSCHUNG GATERSLEBEN DER DEUTSCHEN AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN ZU BERLIN 1957 mit dem Praktikum bei Helmut Böhme. Im Juni 1959 wurde ich – veranlaßt vom Institutsdirektor Hans Stubbe – erstmalig eingeladen, für ein Kolloquium zu theoretisch biologischen Fragen den einleitenden Vortrag zu halten. Solche Einladungen wiederholten sich etwa Jahr für Jahr. Die genauen Daten und Themen sind mir nicht erinnerlich. Im Sommer 1983 hat Stubbe mir ein Exemplar der von ihm verfaßten „Geschichte des Instituts für Kulturpflanzenforschung Gatersleben der DAW /1943 bis 1968“ (Berlin 1982, 428 Seiten) geschenkt. Im Anhang dieses Buches sind unter „15. Colloquien und Vorträge im Institut“ einige meiner Voträge aufgeführt (S. 317).

Im Gedächtnis geblieben sind allerdings einige eher kuriose Umstände der Fahrten nach Gatersleben. In der schriftlichen Einladung zum Vortrag am Dienstag, den 23. Juni 1959, 18 Uhr hatte das Institut angeboten, mich mit einem Wagen in Berlin abzuholen und mich am nächsten Tag von Gatersleben nach Berlin zurückzubringen. Das wäre vier mal die Strecke zwischen Gatersleben und Berlin gewesen. Pure Verschwendung.

Also ging ich zum ND-Chefredakteur Hermann Axen, der mich gerade als Redakteur für Naturwissenschaften eingestellt hatte, und fragte (da Gatersleben nur schwer mit der Bahn zu erreichen war) nach einem Auto. „Geh’ zum Fahrdienst“, entschied Axen, „die sollen Dir einen Wagen mit Chauffeur geben; wenn das Institut die Benzinkosten übernimmt, soll’s mir recht sein“.

Also chauffierte mich am 23. Juni 1959 ein besonnener Fahrer mittleren Alters in einem Dienstwagen vom Typ BMW 340/0 (Baujahr 1951/Eisenach) von Berlin nach Gatersleben. Während ich abends beim Kolloquium war, kümmerte sich die Institutsverwaltung um Verpflegung und Unterkunft (in einem der Gästezimmer des Instituts) auch für den Chauffeur. Als ich am nächsten Morgen verabredungsgemäß ins Auto stieg, strömte Benzingeruch penetrant in die Nase. An einem Knopf am Armaturenbrett hing ein offener Blecheimer mit etwa fünf Liter Benzin.

„Willst Du mir das Rauchen abgewöhnen“, fragte ich, „oder sollen wir in die Luft fliegen?“ – „Der Tank ist voll. Ich kann doch den kostbaren Saft nicht wegschütten!“ – „Und warum hast Du mehr Sprit gekauft, als Dein Tank faßt?“ – „Weil die mir einen Benzin-Gutschein über fünfzig Liter gegeben haben.“ – „Wer?“ – „Na, die nette Frau von der Institutsverwaltung.“ Irgendwo auf der Autobahn wurde der Blecheimer in den Tank geleert. Ich konnte mir endlich eine Zigarette anzünden.

Gut ein halbes Jahr später, am 8. Februar 1960, sollte ich wieder eines der Gaterslebener Kolloquien mit Naturphilosophie „beglücken“. Noch immer hatte ich keinen Führerschein und mußte wieder den ND-Fahrdienst bemühen. „Zufällig“ chauffierte mich erneut der Fahrer mit dem Benzin-Blecheimer. „Diesmal läßt Du Dir kleinere Benzin-Wertmarken geben. Nicht wieder Sprit im offenen Eimer!“ Er versprach es. Doch am nächsten Morgen waren Kofferraum und Rücksitze mit Dahlien-Knollen belegt.

„Hast Du die Knollen etwa im Institut geklaut?“ – „Aber nicht doch, die hab’ ich vom Professor!“ – „Von welchem Professor?“ – „Na, von dem Professor, der hier Chef ist.“ – „Von Stubbe?“ – „Ja, so heißt er wohl. Ich habe ihn nach Knollen für meinen Garten gefragt.

Da ist er mit mir zu einem Lager gegangen und hat den Frauen gesagt, sie sollen mir ein paar Dahlien geben.“ – „So so, ein paar Dahlien!“ – Im folgenden Sommer bin ich in Pankow zu des Kraftfahrers Garten gegangen. Ich sah etwa 200 Quadratmeter herrlich bunt blühende Landschaft.

Da wir gerade bei Erlebnissen mit Kraftfahrern sind: Eines Abends – es kann im Spätherbst 1960 gewesen sein – sollte ich in „Mitscherlichs Institut in Paulinenaue“ einen Vortrag halten. Die Einladung ging vermutlich auf einen Tipp von Stubbe zurück; denn die Forschungsstätte für Bodenkunde in Paulinenaue war wie Stubbes Institut in Gatersleben zunächst ein Institut der Deutschen Akademie der Wissenschaften zu Berlin.

Der Pflanzenbauforscher und Bodenkundler Eilhard Alfred Mitscherlich: Hören Sie nicht auf Lyssenko
Foto: Roger Rössing, Deutsche Fotothek, CC BY-SA 3.0 DE

Eilhard Alfred Mitscherlich (1874 bis 1956) muß ein faszinierender Mann gewesen sein. Er hatte Mathematik, Naturwissenschaften und Agronomie studiert. Schon in seiner Doktorarbeit ging es um Faktoren der Fruchtbarkeit des Bodens. Diesem Thema widmete er sich 35 Jahre lang (von 1906 bis 1941) als Forscher und Universitätslehrer in Königsberg (Kaliningrad). Auch nach seiner Emeritierung blieb er der Bodenkunde treu – auf einem Gutshof der Familie in Pommern.

Das Kriegsende (mit Flucht, Vertreibung und Vermögensverlust) verschlug den Gelehrten nach Berlin (wo er in hohem Alter wieder Vorlesungen hielt) und nach Paulinenaue (wo er besagtes Forschungsinstitut „zur Steigerung der Bodenfruchtbarkeit und der Pflanzenerträge“ aufbaute. Legendär war Mitscherlichs preußisch geradlinige Warnung an Ulbricht: „Wenn Sie die Bevölkerung ernähren wollen, dürfen Sie nicht auf Lyssenko hören!“ Im Gründungsjahr der DDR bekam Mitscherlich einen der ersten Nationalpreise der DDR.

Die Redaktion NEUES DEUTSCHLAND befand sich damals in der Mauerstraße im Zentrum Berlins. Die Entfernung von dort bis Paulinenaue beträgt Luftlinie etwa 30 Kilometer. Ein Katzensprung mit dem Auto. Doch zwischen Stadtzentrum und Mitscherlichs Institut lag Westberlin, das man mit einem Ostauto (zumal einem ND-Dienstwagen) schon Jahre vor dem Mauerbau (vom 13. August 1961) nicht mehr durchfahren konnte. Auch wies der Autobahn-Ring um Berlin im Norden und Nordwesten eine lange Lücke auf. Wir mußten also einen Umweg fahren – zunächst nach Norden, dann nach Westen, um bei Nauen auf die alte Fernverkehrsstraße nach Hamburg zu gelangen, von der hinter dem berühmten Ribbeck eine Landstraße rechts ab nach Paulinenaue führen sollte.

Der Fahrer versicherte hoch und heilig, er habe sich das auf der Landkarte genau angesehen. „Navis“ waren noch nicht erfunden. Verkehrsschilder gab es nicht überall. Wir verließen die Fernverkehrsstraße zu früh, gelangten auf einen Feldweg, landeten im Schlamm, aus dem der schwere BMW/EMW nicht mehr herauskam. Ich war jünger als der Chauffeur. Also machte ich mich – in Dunkelheit und strömendem Regen – auf den Fußweg nach Paulinenaue. Dort hatte sich das Auditorium mittlerweile weitgehend zerstreut. Es war das erste Mal, daß ich rund hundert interessierte Leute aus purer Schusseligkeit hatte sitzen lassen.

Gottseidank waren ein paar Leute geblieben. Ein bodenständiger junger Forscher holte einen großen Traktor aus der Institutsgarage. Wir fuhren zum Auto, zogen es aus dem Modder, und auf der Fernverkehrsstraße entschuldigte, bedankte und verabschiedete ich mich. Schade um die verpaßte Gelegenheit! Doch Paulinenaue bleibt wegen Mitscherlich ein Symbol für „Mannesmut vor Königsthronen“ und „…Sieger-Thronen“!

Könnte man das Zweckbündnis zwischen Hans Stubbe und mir ein freundschaftliches Verhältnis nennen? Vertrauensvoll war es unbedingt. Unsere Kommunikation betraf auch Dinge, die Dritte nichts angingen. Im Frühjahr 1961 bat Stubbe um Anregungen für einen Vortrag, den er im Herbst auf der Festsitzung zum zehnten Gründungstag der DEUTSCHEN AKADEMIE DER LANDWIRTSCHAFTSWISSENSCHAFTEN ZU BERLIN (DAL) zu halten gedachte. Einen Redenschreiber suchte der Akademie-Präsident keineswegs. Stubbe formulierte seine Vorträge selbst. Doch er mochte nicht betriebsblind sein und legte Wert auf Problemsichten von außerhalb.

Ende Mai 1961 erreichte mich ein auf „Bad Liebenstein 26. V. 61“ datiertes Handschreiben von Stubbe, in dem es hieß: „Erst heute komme ich dazu, Ihnen für Ihre Sendung vom 28. IV. zu danken. Ihre Hinweise waren für meinen geplanten Festvortrag von großer Bedeutung und Ihren Aufsatz ‚Wo ist die freie Welt?’ habe ich mit großem Vergnügen gelesen. Ich habe mir zu dem Thema hier einiges überlegt, bin aber noch längst nicht fertig damit. Ganz erstaunlich ist wirklich der Mangel an Definitionen des Begriffs ‚Freiheit’ in der westlichen Welt. Das muß wirklich eine tiefere Bedeutung haben…“

Als Präsident einer hauptstädtischen Akademie verfügte Stubbe – um nicht andauernd zwischen Gatersleben und Berlin hin und her fahren zu müssen – über eine kleine Zweitwohnung in Berlin. Sie befand sich praktischerweise oben im Gebäude des Akademie-Präsidiums. Dieser wuchtige Altbau lag an der Krausenstraße unmittelbar neben der Sektorengrenze, die sich am 13. August 1961 über Nacht in eine streng bewachte Staatsgrenze verwandelte. Besucherinnen und Besucher, die zu Stubbe wollten, benötigten nun einen besonderen Passierschein.

Wenige Meter jenseits der Grenze, gleichsam vor Stubbes Küchenfenster, ließ der Hamburger Verleger Axel Caesar Springer (1912 bis 1985) damals das nach ihm benannte Hochhaus errichten. Den Grundstein hatte man am 25. Mai 1959 gelegt. Das Richtfest wurde am 7. Mai 1965 gefeiert. Am 13. August 1966 fand die politisch feierliche Enthüllung des Breitwand-Gemäldes statt, das Oskar Kokoschka (1886 bis 1980) für den Festsaal ganz oben im Hochhaus geschaffen hatte. Ist Hans Stubbe auf der in ekstatischen Farben gehaltenen Ansicht einer geteilten Stadt zu sehen? Wie er mit eiinem vielfarbigen Strauß Löwenmaul winkt? Aus Protest nicht etwa gegen Kokoschka, sondern gegen den Wolkenkratzer, der Stubbes Akademie buchstäbdlich in den Schatten stellte?

Jedenfalls entstand Anfang 1965 im Akademie-Gebäude jenes Interview, das Stubbe mir für NEUES DEUTSCHLAND gewährte und das am 26. Februar 1965 im SED-Zentralorgan veröffentlicht wurde – unter den Schlagzeilen „Wird der Mensch neue Lebewesen schaffen?/ Exklusivinterview mit Prof. Dr. Dr. Hans Stubbe über Situation und Perspektiven der Biologie in der DDR“. Die Reinschrift des Interviews hatte „Der Präsident“ am 9. Februar 1965 mit einem vereinbarten Anschreiben an mich geschickt, das geeignet war, meinem Chefredakteur Hermann Axen prophylaktisch vorgezeigt zu werden:

„Sehr geehrter Herr Dr. Wessel! Beiliegend überreiche ich Ihnen das gewünschte Interview. Ich habe die große Bitte, daß in diesem Interview nichts gekürzt wird. Wir befinden uns im Augenblick in einer sehr wichtigen Phase der Entwicklung. Es kommt darauf an, daß die Genetik in den Perspektivplänen richtig verankert wird. Dazu soll das Interview dienen, das vollständig erscheinen sollte. Ich bitte Sie sehr, dies zu ermöglichen. Mit freundlichen Grüßen Ihr Hans Stubbe.“

Die staatlichen Perspektivpläne hatten nicht nur Forschungsmittel (Finanzen, Material und Personal) zu sichern, sondern sollten auch prognostische Maßstäbe setzen. Stubbe und vielen anderen weiter blickenden Naturforschern war damals klar, dass Wissenschaft und Wirtschaft in der DDR mit dem stürmischen Erkenntnisfortschritt der Molekulargenetik und Kybernetik in den USA nur dann halbwegs würden mithalten können, wenn die vorhandenen Potenzen optimal gefördert und konzentriert eingesetzt würden. Stubbe schwebten zwei, drei große, modern ausgestattete und komplex auf molekularbiologische, kybernetische und medizinische Schwerpunkt-Themen ausgerichtete Forschungszentren vor, in denen die Kräfte gebündelt und effizient eingesetzt werden könnten.

Eigentlich, so meinte er, seien nur die gebündelten Kräfte entweder des ganzen Ostblocks oder eben beider deutscher Staaten in der Lage, mit den lieben Kollegen jenseits des Atlantiks konkurrenzfähig zu bleiben. Die erste Variante fiel unter anderem wegen der Nachwirkungen des Lyssenkoismus aus, die zweite wegen der 1965 scheinbar auf lange Zeit unüberwindlichen Teilung Deutschlands. Und auch die Konzentration der Kräfte innerhalb der DDR gelang nur ansatzweise, weil die neue Kreml-Führung (unter Breshnew) schon im Dezember 1965 gegen Walter Ulbrichts „Eigenmächtigkeiten“ Front machte und weil nach Ulbrichts Sturz 1971 die „Wissenschaftspolitik“ Erich Honeckers ziemlich kurzsichtig und dürftig ausfiel.

Die Öffnung der Mauer am 9. November 1989 hat Hans Stubbe nicht mehr erlebt. Am 13. Mai 1989 war er gestorben. Zu seiner Beerdigung konnte ich nicht fahren, da ich bis 16. Mai in Heiligendamm zur Kur war und schon dort wegen einer simplen Buchbesprechung in politische Turbulenzen geriet. Das, was inzwischen gentechnisch möglich geworden ist, hatte Hans Stubbe vorausgeahnt. Daß sich aber heute ein amerikanisch dominierter Konzern „Gottes Schöpfung“ – in Gestalt von gentechnisch verändertem Saatgut – zu Zwecken der Profitmaximierung ernstlich hat patentieren lassen, wäre gewiß nicht nach dem Geschmack des unvergeßlichen Gaterslebener Genetikers gewesen..

Und Georg Schneider? Er starb am 6. Juni 1970 im Alter von nur 61 Jahren nach einem schweren Autounfall. Und Lyssenko? Der hat am 20. November 1976 das Zeitliche gesegnet. In der veröffentlichten Meinung der Sowjetunion spielte er fortan kaum noch eine Rolle. Mir jedoch erschien er knapp vier Jahre nach seinem Tod noch einmal, allerdings auf virtuelle und eher lustige Weise.

Zu meinem 50. Geburtstag am 12. Februar 1980 kam auch Arnolf Kriener (Jahrgang 1929), der „mecklenburgische Schwejk“. Krieners Berufsleben hatte auf einem gottverlassenen Dorf bei Lübz in Mecklenburg-Vorpommern begonnen, wo er von 1945 bis 1947 sein Brot als Landarbeiter verdiente. Klug und verschmitzt, wie er immer schon war, fand er mit witzig kritischen Kommentaren bald Kontakt zur ländlichen Presse und wurde Agrarjournalist. Als ich Mitte 1959 beim ND anfing, fungierte Kriener auf demselben Redaktionsflur als Leiter des Redaktionsressorts für Landwirtschaft. Wir fanden schnell Gefallen aneinander. Ende 1960 rückte Arnolf zum Chefredakteur der DBZ (NEUE DEUTSCHE BAUERN-ZEITUNG) auf. Doch unsere Kommunikation rißt nicht ab.

Noch in der ND-Redaktion hatte Arnolf Kriener das Wort „Sparche“ erfunden – zur kritischen Charakterisierung von Texten im nichtssagenden, aufgeblasenen Jargon bürokratischer Instanzen. „Sparche“ als harmlos klingende Abwandlung von „Sprache“ war selbst in offiziellen Gremien gefahrlos verwendbar, obwohl der Begriff sogar die „herrschaftlich geheiligten“ Texte „von ganz Oben“ in Form und Inhalt desavouierte (bloßstellte).

Arnolf Kriegers Flora und Jolanthe im Dialog mit Ulbricht im ND vom 28. November 1959

Für Kritik an landwirtschaftlichen Mißständen und agrarpolitischen Mißgriffen führte Kriener die regelmäßige Glosse „Flora und Jolanthe“ ins ND ein – mit jeweils einem von Klaus Arndt deftig gezeichneten Nutzviehpaar: der Kuh „Flora“ und dem Schwein „Jolanthe“. Als DBZ-Chef gelang es Kriener sogar, seine „Oberen“ davon zu überzeugen, daß in einer dicken Wochenzeitung für das lebenslustige Landvolk auch Raum für ein regelmäßiges Aktfoto sein müsse. Arnolfs Texte zu den Nackten waren mitunter echte literarische Perlen.

Arnolf Kriener, der die praktischen Auswirkungen diverser sowjetischer „Neuerer-Ideen“ (etwa der „Rinderoffenställe“) aus nächster Nähe erleben konnte, war von Anfang an ein gewiefter Bundesgenosse bei der Abwehr von „lyssenkoistischen“ Zumutungen. Kriener besaß hinreichend Kraft und Ausdauer, um neben der Redaktionsarbeit Agrarwissenschaften zu studieren und zu promovieren. So konnte er auch unter forschendem Personal Spreu und Weizen gut unterscheiden. Mit Kriener über die Dörfer zu fahren und dabei auch einige agronomische Institute zu besuchen, war jedes Mal ein fröhliches Erlebnis.

In der ND-Landwirtschaftsabteilung arbeitete Karl-Heinz Kohler (am 31. Januar 1926 geboren), der als junger Mann ab 1943/44 an der „Ostfront“ eingesetzt war den ganzen Rückzug der DEUTSCHEN WEHRMACHT aus der Sowjetunion hatte mitmachen müssen. Dabei war ein stoisches Naturell entstanden, das mit der ruhigen Mentalität der meisten Bauern „kompatibel“ war.

Kriener stiftete ein zeitweiliges Arbeitsbündnis zwischen Kohler und mir. Zusammen fuhren wir über Land und entwickelten eine spezifische Form von investigativem Journalismus: „Ausfragen von unten nach oben.“ Mit seiner Lammsgeduld brachte Kohler Bäuerinnen und Bauern auf dem Feld oder im Stall zum Reden. Dann konfrontierten wir – nach einander – den Brigadier, den LPG-Vorsitzenden und die Kreisbehörden mit den ermittelten Problemen. Ich brauchte nur zuzuhören und den Artikel zu formulieren, der dann echte Kollektivarbeit (Teamwork) war.

Da Karl-Heinz Kohler so gut wie alle gepanzerten und ungepanzerten Fahrzeugtypen über die Knüppeldämme des Krieges gelenkt hatte, sind wir nie irgendwo steckengeblieben. Mehr noch: Karl-Heinz war mein erster Fahrlehrer. Er ließ mich auch ohne Fahrerlaubnis (wie der Führerschein damals noch in der DDR hieß) ans Steuer. Danach besuchte ich die Fahrschule und bestand ich die Fahrprüfung ohne Probleme. Bereits 1963 gehörte ich zu den ersten Selbstfahrern unter den ND-Redakteuren.

Aus vielen Gründen war also meine Freude groß, als Arnolf Kriener am 12. Februar 1980 zur Geburtstagsfeier ins ND kam. In der geräumigen „Redaktionsstube“ drängten sich die unterschiedlichsten Gäste. Auf dem Sofa saßen dicht an dicht Hermann Kant, Otto Reinhold, Günter Schabowski und Jürgen Kuczynski. Außer dem obligaten Blumenstrauß brachte Arnolf ein seltenes Geschenk mit, das er – zur Erregung von Aufmerksamkeit und Erhöhung der Spannung – selbst umständlich auspackte. Es war ein hinter Glas gerahmtes Porträt. Jubelndes Gelächter brach aus, als das Konterfei erkennbar wurde: Trofim Denissowitsch Lyssenko. Arnolf hatte das Kultstück im Abstellraum eines Verlages gefunden und überreichte es mir wie eine Trophäe.

Schon zum 35. Geburtstag 1965 hatte Kriener mich einschlägig beschenkt – mit einem zu der Zeit bereits antiqierten Buch: „Die Evolutionstheorie/Das Grundproblem der modernen Biologie/Ein Abriß des Entwicklungsgedankens von Kaspar Friedrich Wolff über Darwin bis Lyssenko/Von Dr. Georg Schneider Jena“, DEUTSCHER BAUERNVERLAG BERLIN, Berlin 1950, 126 Seiten. Krieners ironische Widmung: „Meinem lieben Freund + Geistesgefährten Harald Wessel, damit er im Jahre 1965 eine ordentliche Lektüre hat“.

Harald Wessel (1930 bis 2021) war einer der wichtigsten politischen Journalisten der DDR, Wissenschaftsredakteur und stellvertretender Chefredakteur der Zeitung „Neues Deutschland“. Er hat umfangreiche Memoiren unter dem Titel „Doppelt befreit“ hinterlassen. Sie besitzen einen hohen zeitgeschichtlichen Wert, sind aber Fragment geblieben. Der Text des hier veröffentlichten Auszuges war im Jahr 2012 fertiggestellt.