Genauigkeit und literarische Gabe

Über den Berliner Historiker Wolfgang Kießling (1929 – 1999). Von Holger Becker

Einer wie Wolfgang Kießling ist eine Seltenheit in seiner Zunft: ein Historiker, bei dem sich die zu großer Leistung nötige Besessenheit des Forschers mit der Gabe zu packender literarischer Darstellung verbindet. Er verstand es, Geschichte zu erzählen, ohne sie zu versimpeln. An Genauigkeit ließ er sich von niemandem etwas vormachen. Doch akademisches Gehabe war ihm, dem in der DDR zum Professor berufenen ehemaligen Neulehrer aus dem Erzgebirge, ebenso fremd wie der moralisierende Ton, den Fachkollegen anschlagen, die sich mit ähnlichen Themen wie Wolfgang Kießling beschäftigen.

Die großen Themen des 1929 geborenen Historikers, der auch als Literaturwissenschaftler brillierte, Hörspiele und Rundfunkfeatures schrieb, waren der Widerstand und das Exil deutscher Antifaschisten, die vor den Nazis hatten fliehen müssen. Als eine der ersten größeren Arbeiten veröffentlichte er 1964 „Stark und voller Hoffnung. Leben und Kampf von Albert Kuntz“. Zeitgenossen sollten sich von dem heute etwas hölzern klingenden Titel nicht täuschen lassen: Das Lebensbild des Kommunisten Albert Kuntz, der 1934 im Bülowplatz-Prozeß verurteilt wurde, markierte für die DDR-Geschichtsliteratur zum antifaschistischen Widerstand einen Durchbruch hin zu einer auf Information angelegten Darstellungsweise. Wolfgang Kießling teilte hier bislang Unbekanntes über das KZ Dora mit, das Albert Kuntz als Häftling mit aufbauen mußte und in dessen unterirdischen Stollen dann die Lagerinsassen V-Waffen der Nazis montierten.

Eine Rolle als Eisbrecher spielte Wolfgang Kießling ebenso für die DDR-Literatur über das antifaschistische Exil im Westen. Insbesondere die Szene deutscher Emigranten in Mexiko, zu der eine Anna Seghers, ein Egon Erwin Kisch und ein Paul Merker gehörten, hat kaum jemand so intensiv erforscht wie er. Sein zweibändiges Buch „Alemania Libre in Mexiko“ (1974) regte die berühmte Exilreihe des Leipziger Reclam Verlags an, in der er 1980 den Band „Exil in Lateinamerika“ herausgab. Hier betrat er ein für die DDR- Geschichtsforschung vermintes Gelände, da viele der sogenannten Westemigranten noch als „Unpersonen“ galten, die er nun zu revitalisieren half. Dazu trug insbesondere der vierbändige von ihm herausgegebene und eingeleitete Reprint der Zeitung „Freies Deutschland“ bei, die in Mexiko als Organ der Bewegung „Freies Deutschland“ erschienen war. Auch sein Buch „Brücken nach Mexiko“ (1989), in dem er den großartigen Anteil des mittelamerikanischen Landes bei der Rettung deutscher Antifaschisten würdigte, trug ihm bei nicht wenigen Mexikanern Verehrung ein. Den ehemaligen mexikanischen Generalkonsul in Marseille, Gilberto Bosques, der vielen mit Geld und Visum zu einer Überfahrt nach Mexiko verhalf, durfte der Historiker bis zu dessen Tod zu seinen Freunden zählen.

Die Recherchen auf diesem Feld, darunter viele Interviews mit Zeitzeugen, bildeten den Ausgangspunkt für weitere Arbeiten. Insbesondere die Beschäftigung mit Paul Merker, den er von 1965 bis zu dessen Todesjahr 1969 häufig traf, ließ ihn nicht mehr los. Wie war der prominente Paul Merker Anfang der 50er Jahre in die Mühlen einer Repressionswelle geraten, in deren Zuge dem Anschein nach deutsche Kommunisten gegen die eigenen Genossen vorgingen? Weil Wolfgang Kießling wußte, was er wo suchen mußte, gelang es ihm, den Gründen für die furchtbaren Vorgänge nachzuspüren, die in den berüchtigten Prozessen gegen Laszlo Rajk in Budapest und Rudolf Slansky in Prag ihre Parallelen hatten. In einer Reihe von Veröffentlichungen arbeitete er heraus, daß es sich hier um Verfolgungen handelte, die der sowjetische Geheimdienst mit dem Ziel steuerte, die nationalen kommunistischen bzw. sozialistischen Parteien zur widerspruchslosen Befolgung des Moskauer Kurses zu disziplinieren. In Zeitungs- und Zeitschriftenbeiträgen entwarf Wolfgang Kießling ein Panorama der Vorgänge, beschrieb die Lebenswege von Opfern der Repression wie Leo Bauer, Paul Bertz, Rudolf Feistmann oder André Simone. Auf diesem Grundstock entstand das Buch „Partner im 'Narrenparadies'. Der Freundeskreis um Noel Field und Paul Merker“ (1994). Darin lüftete er auch einige der Geheimnisse um Noel Field, der als angeblicher US-amerikanischer Superspion in den Schauprozessen der 40er und 50er Jahre eine zentrale Rolle gespielt hatte, in der Tat aber ein überzeugter Helfer für antifaschistische Emigranten gewesen war. Obwohl das Buch von den meisten deutschen Zeitungen ignorant beschwiegen wurde, erfuhr Noels in den USA lebender Bruder Hermann Field davon. Er äußerte sich begeistert und suchte den Kontakt zum Autor.

Auch Hermann Field gehörte nun zu den Bewunderern von Wolfgang Kießlings Produktivität, die er ohne seine Frau Gerda als mitdenkende und mitgestaltende Partnerin nicht hätte entwickeln können. Ich erlebte, wie beide mit Hermann Field und seiner Frau Kate über Wolfgang Kießlings Forschungen zum Tod des 1950 „verschwundenen“ Reichsbahnchefs Willi Kreikemeyer diskutierten. Ende 1998 erschien Wolfgang Kießlings Kreikemeyer-Buch „'Leistner ist Mielke'. Schatten einer gefälschten Biographie“.

„Beiträge zur Geschichte müssen schonungslos sein. Die Zukunft ist immer auch ein Stück Vergangenheit. Die Zukunft kann sich nur dann besser und glücklicher gestalten, wenn die Fehler der Vergangenheit rückhaltlos aufgedeckt werden.“ Diese 1944 veröffentlichten Sätze Paul Merkers stellte der Historiker einem seiner Bücher voran. Ich weiß aus vielen Gesprächen: Genau so sah Wolfgang Kießling das. Er plante eine große Biographie Paul Merkers, die niemand anders hätte schreiben können als er. 1999 ist Wolfgang Kießling, der ein tapferer und lebenslustiger Mensch war, nach schwerer Krankheit gestorben.