Hauptsache, keine Gewalt

Honecker-Sturz, Mauerfall und Leben im Knast – zum Band 3 von Egon Krenz´ Memoiren

Von Holger Becker


Wolfgang Harich, der Mann mit den meisten Haftjahren von allen politischen Gefangenen in der DDR, hat es gesagt. Frank Schirrmacher, die Figur mit der stärksten intellektuellen Strahlkraft unter sämtlichen bisherigen Herausgebern der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“, hat es geschrieben. Und auch Peter Gauweiler, der einzig bekannte brillante Geist der gegenwärtigen CSU, hat es öffentlich bekundet: Egon Krenz, der letzte Generalsekretär der SED, verdient Lob für sein Agieren im Jahre 1989. Denn maßgeblich er ­– zusammen mit dem Chef des NVA-Hauptstabes Fritz Streletz ­ – hat dafür gesorgt, die Anwendung von staatlicher Gewalt bei den Demonstrationen im Herbst jenes Jahres in der DDR zu unterbinden. Dazu gehörte es, sich mit den Chefs der sowjetischen Truppen in der DDR zu verständigen, sie mögen doch bitte die turnusmäßigen Herbstmanöver abblasen und ihre Soldaten in den Kasernen lassen. Damit es keine Mißverständnisse gibt. 

20. November 1989: Egon Krenz als Vorsitzender des DDR-Staatsrates empfängt Vertreter des Staates, der ihn später einsperren läßt. In der Bildmitte Rudolf Seiters, zu jener Zeit Bundesminister für besondere Aufgaben und Chef des Bundeskanzleramtes der BRD, rechts daneben Franz Bertele, der damalige Leiter der Ständigen Vertretung der BRD in der DDR
Foto: ADN-Zentralbild, Bernd Settnik, Bundesarchiv, Bild 183-1989-1120-021/
CC-BY-SA 3.0

Nein, das ging nicht von Gorbatschow aus, sondern von Krenz. Die DDR, die den Frieden als Staatsdoktrin begriff, besudelte sich in ihrem Untergang nicht mit dem Blut unzufriedener Bürger ­– auch wenn zwei Bundespräsidenten – Horst Köhler (CDU) und Frank-Walter Steinmeier (SPD) – Gegenteiliges suggerierten. Im dritten Band seiner Memoiren beschreibt Krenz insbesondere die Vorgänge um die entscheidende Montagsdemonstration am 16. Oktober 1989 detailliert und plausibel. Seine Darstellung dieser Sache wird Bestand haben, auch wenn noch weitere Wellen der versuchten DDR-Delegitimierung anbranden, so wie die jüngst von Kulturstaatsminister Wolfram Weimer initiierte, die unter dem Motto „Jugend erinnert“ die Nachwachsenden antikommunistisch anfeuchten soll. Was wird wohl „Der-100-Fragen-an-die-DDR-Automat“, den er nun finanziell fördern läßt, zu diesem Thema als Antwort ausspucken? Und wo wird die „Stiftung Ettersberg“, die es sich ausgedacht hat, das Ding aufstellen? In Buchenwald?

Egon Krenz´ Beschreibung seines Denkens und Handelns setzt in diesem Band mit der Jahreswende 1988/89 ein. Was er über die dann folgenden Monate mitteilt, ruft beklemmende Gefühle zurück, die damals in der DDR nicht nur Mitglieder der SED befielen. Was sollte werden mit diesem kleinen Vaterland? Dessen Führung sorgte für eine bleierne Zeit, insbesondere im Sommer und Frühherbst, indem sie sich weigerte, die rapide zunehmende Unzufriedenheit zur Kenntnis zu nehmen. Statt einer befreienden Aussprache gab es unvermindert Erfolgspropaganda. Und die da oben wurden von denen da unten mangels sichtbarer Differenzierung als monolithische Gruppe wahrgenommen, zu der eben auch Egon Krenz gehörte. Als er und Günter Schabowski den Griff an die Notbremse wagten, war der Zug recht eigentlich schon entgleist. 

Und das keineswegs, weil Erich Honecker sich weigerte, Gorbatschows Kurs zu folgen. Dessen „Perestroika“ hatte sich spätestens 1987 wegen ihrer Konzeptionslosigkeit für die Menschen in der Sowjetunion als gigantischer Flop erwiesen. Hätten das Westfernsehen, was es nicht tat, und das DDR-Fernsehen, was es nicht durfte, über die leeren Regale in Moskauer Läden berichtet, die Luft aus den Propagandballons von „Glasnost“ und „Perestroika“ wäre rasch verzischt. Aber konnte die DDR mit ihrem eklatanten Produktivitätsrückstand zum Westen sich selbst aus dem Sumpf ziehen? Die verspielten Jahre seit der vollständigen Entmachtung Walter Ulbrichts 1971, ließen die sich aufholen? 

Der personelle Wechsel zu Honecker war vor allem ein konzeptioneller. Ulbricht hatte spätestens seit dem Mauerbau 1961 für die rohstoffarme DDR auf eine intelligenzintensive Produktion gesetzt, auf Computerisierung, Wissenschaft als Produktivkraft, eine moderne industrielle Basis und darauf, die Herstellungslust mit Marktelementen anzureizen. Honecker war der Mann an der Spitze einer aus Moskau geförderten Fronde gegen diesen Kurs gewesen, und er trieb dann als Nummer Eins in Partei und Staat eine Politik auf Pump, die letztlich eine Existenz auf Kosten der Substanz bedeutete. Als er in den 1980er Jahren begriff, was die Revolution in Wissenschaft und Technik für den Ausgang des Systemwettstreits bedeutete, reichte es im Großen und Ganzen nur noch für den Aufbau Potjomkinscher Dörfer wie den berühmten 1-Megabit-Chip.

Mit den Moskauern war ein Blumentopf nicht zu gewinnen – und ohne sie auch nicht. Reste des Brüderlichen im Verhältnis der „Bruderländer“, jedenfalls was die höchste Ebene betraf, hatte Gorbatschow eliminiert. Egon Krenz´ Darstellung macht das Dilemma wieder greifbar, auch wenn er dieses und jenes in ein gemildertes Licht taucht, so zum Beispiel die faktische sowjetische Sabotage der Ulbrichtschen Politik zu einer kritischen Sicht des Kreml auf dessen Wirken herabstuft.

In der kurzen Zeit – es waren 49 Tage – , die Krenz an der Spitze der SED stand, ereigneten sich Dinge von historischer Bedeutung. Das Herausragende war der Fall der Mauer am 9. November 1989. Auch die Abläufe dieses Tages, an dem das SED-Zentralkomitee zusammenkam, schildert er glaubhaft, soweit sie sein Handeln betreffen. Seiner Sicht auf Schabowskis Verhalten auf der berühmten Pressekonferenz mit Medien aus aller Welt allerdings kann ich nicht folgen. Krenz schreibt, er habe Schabowski bei der ZK-Tagung gegen 17.15 Uhr sein Papier zur neuen Reisereglung mit der Bemerkung „Das ist die Weltnachricht“ in die Hand gedrückt. „Schabowski“, so Krenz, „sollte auf der Pressekonferenz darüber informieren, daß anderntags diese neue Verordnung veröffentlicht werden würde. Doch er trug den Text im Wortlaut vor, obgleich die Sperrfrist auf 4.00 Uhr festgelegt worden war.“ 

Hätte das funktionieren können? Wohl kaum. Was hätte Schabowski denn der Weltpresse mitteilen sollen? Daß am nächsten Tag eine Reiseregelung veröffentlicht werde, ohne zu sagen, was in dieser steht? Schabowski war Medien-Profi genug, den Holzweg zu erkennen. Höchstwahrscheinlich war ihm auch klar, wie wenig die Crew der Honecker-Stürzer Moskaus Wunschvorstellungen entsprach, woher der Wind bei den innerparteilichen Aktivitäten wehte, sie aus dem Großen Haus am Werderschen Markt zu vertreiben. Seine drei Worte „ab sofort“ und „unverzüglich“, die den Tsunami auslösten, der Gorbatschow kalt traf und im übrigen auch die Rechte der UdSSR als alliierte Macht in Berlin pulverisierte, können ebensogut als ein spontaner Eingebung geschuldeter bewußter Akt gedeutet werden, als eine Art Befreiungsschlag. Nur mußte es wie ein Unfall aussehen. Schabowski hatte eine russische Frau, deren Verwandtschaft in Moskau lebte. Und wer mit ihm öfter zu tun hatte, zum Beispiel in seiner Zeit als Chef der ND-Redaktion, weiß: Den Schwejk hatte er drauf. Seine späteren „Wir-haben-alles-falsch-gemacht“-Arien haben die Sicht auf Schabowski, so oder so, stark beeinflußt, für die Vorgänge des 9. November 1989 aber sind sie ohne Belang.

Die seltsamste Neuigkeit, die Egon Krenz mitteilt: In ihrer recht gespenstischen Sitzung vom 20. und 21. Januar 1990 hat die Schiedskommission der SED-PDS als solche ihn und Schabowski gar nicht aus der Partei ausgeschlossen. Günther Wieland, der damalige Leiter der Kommission, habe ihm später den Entwurf zu deren Pressemitteilung gezeigt. Darin hieß es, insbesondere Krenz, aber auch Siegfried Lorenz, dem ehemaligen Bezirkschef der SED in Karl-Marx-Stadt, und Schabowski „gebühre Respekt dafür, Anteil daran gehabt zu haben, daß sich der gesellschaftliche Umbruch in der DDR im Herbst 1989 gewaltfrei vollziehen und die machtbesessene Gruppe um Erich Honecker abgelöst werden konnte. Unter Berücksichtigung all dieser Umstände hat die Schiedskommission davon Abstand genommen, die drei Genannten aus der SED-PDS auszuschließen.“ Das Zitierte fehlte am 22. Januar auf Seite 3 des ND, das behauptete, die „Mitteilung der Zentralen Schiedskommission der Partei“ wiederzugeben, aber nur über das Verbleiben von Lorenz in der Partei informierte. Was hat sich da abgespielt? In der Redaktion des ND, das sogar drei Berichterstatter zur Kommissionssitzung entsandte, hätte sich die Unterschlagung niemand getraut. Oder?

Egon Krenz: Verlust und Erwartung. Erinnerungen. Berlin 2025, edition ost, 384 Seiten, Illustr., 26 Euro

Wie wir wissen, hat die bundesdeutsche Justiz 1997 Egon Krenz, den früheren Gesprächspartner vieler Bonner Politiker, wegen angeblichen Totschlags an der Mauer zu sechseinhalb Jahren Haft verurteilt. Knapp vier Jahre davon mußte er verbüßen. Allein dieses Schicksal sollte besser davongekommene ehemalige Weggefährten davon abhalten, im Kaffeetanten-Stil ihre vorvorgestrigen und auch heutigen Animositäten gegenüber dem einst Höhergestellten durchzuhecheln. Ja, Krenz bekommt für seine unbeugsame Haltung, die DDR im Grundsatz und auch vielen Details zu verteidigen, eine Menge schmähender Zurufe, insbesondere von einer Journaille, die unlustig ist, geschichtliche Tatsachen zur Kenntnis zu nehmen. Aber er erfährt auch nicht wenig Achtung und Sympathie. Das galt sogar für seine Zeit im Gefängnis. Eines Tages sei in seiner Zelle in Plötzensee ein Kerl wie ein Schrank erschienen, in der Hand die „Bild“. Unter der Schlagzeile „Knastschläger warnen Krenz“ stand da, in der Knasthierarche stünde Krenz als „Kommunist neben Kinderschändern und Vergewaltigern auf einer Stufe – ganz, ganz unten“. Der Schrank bot ihm „Personenschutz“, ja sogar einen Platz in seiner Zelle an. Auf die Warum-Frage antwortete der: „Bist du so blöd oder stellst du dich nur dumm? Merkst du denn nicht, was hier gespielt wird?… Die Bild organisiert, daß du massakriert wirst!“ 

Verfaßt für die Tageszeitung „Neues Deutschland“. Zur dortigen, etwas kürzeren, Fassung hier klicken