„Ja, eine Liebesgeschichte“
Über Sebastian Haffner und seinen spätveröffentlichten belletristischen Text „Abschied“
Von Holger Becker
Wie wäre es denn mit einer kleinen Liebesgeschichte? Überlegen Sie sich das mal! Das Buch soll nicht teuer werden, und ich drucke Ihnen für den Anfang zehntausend Stück. Die befreundeten Sortimenter sagen mir jedesmal auf meinen Reisen, wie gern die Leute so etwas lesen. Wie ist es damit?…
Mit den besten Grüßen
Ihr (Riesenschnörkel) Ernst Rowohlt
Ja, eine Liebesgeschichte… Die Sache ist nicht leicht. Sie wissen, wie sehr es mir widerstrebt, die Öffentlichkeit mit meinem persönlichen Kram zu behelligen – das fällt also fort. Außerdem betrüge ich jede Frau mit meiner Schreibmaschine und erlebe daher nichts Romantisches. Und soll ich mir die Geschichte vielleicht ausdenken?…
Ihr Tucholsky
Der Roman „Schloß Gripsholm“ des Letztunterzeichnenden beginnt mit einem hier stark verkürzt wiedergegebenen fiktiven Briefwechsel zwischen dem Verleger und seinem Autor, der an amüsanter Verlogenheit seinesgleichen sucht. Schon weil Kurt Tucholsky vielen Rockzipfeln nachjagte, die ihm unter die Augen kamen. Und weil er die „Sommergeschichte“ von einem Urlaub in dem schwedischen Schloß selbstverständlich erfand. Denn „persönlichen Kram“ auszubreiten, das ging nun tatsächlich nicht. Der weltgewandte Journalist und Schriftsteller, der auf Grazie und Anstand hielt, erlaubte sich nur, das Buch der Berliner Autonummer IA 47 407 zu widmen. Den dazugehörigen Kraftwagen fuhr die Journalistin Lisa Matthias, die von 1927 bis 1931 Tucholskys Geliebte war.
„Schloß Gripsholm“ erschien 1931 bei Rowohlt. Daß Tucholsky sehr deutliche Ahnungen ausbreitete von dem, was ab 1933 an Barbarischem über Deutschland und die Welt kommen sollte, hinderte den Publikumserfolg dieser luftigen, melancholischen, aber auch lustigen Geschichte über die Wunschvorstellung freier Liebe nicht. Rowohlt versuchte sogar, die Welle weiterzureiten, schob 1932 das Buch „Sommer in Italien. Eine Liebesgeschichte“ von dem seinerzeit nicht unbekannten Wilhelm Speyer nach. Es sei in Format und Ausstattung an „Schloß Gripsholm“ angelehnt, betonte der Verlag im „Börsenblatt für den deutschen Buchhandel“ vom 10. Juni 1932. Und: „Gleich diesem Werk versprechen wir uns vom `Sommer in Italien` einen außergewöhnlichen Erfolg.“
Zumindest Tucholskys Gripsholm-Geschichte dürfte der 24jährige Raimund Pretzel – er sollte sich dann 1940 im England-Exil zum Schutz der Angehörigen in Deutschland in Sebastian Haffner umbenennen – gekannt haben, als er im Spätherbst 1932 seinen Text unter dem Titel „Abschied“ schrieb. Es ist die Beschreibung weniger Stunden, in denen sich alles um eine große Liebe dreht, die Liebe zu einer jungen Frau, die alle um sie herum „Teddy“ nennen. Sie spielt 1931 in Paris und ist der erzählte Countdown von Geschehnissen bis zur Abfahrt eines Zuges am Gare du Nord. Der bringt Raimund Pretzel nach mehrwöchigem Aufenthalt in der Stadt an der Seine zurück nach Berlin, während „Teddy“ in Paris bleibt, wo sie schon seit 1930 lebt. Ausgefüllt sind diese letzten Stunden mit Gesprächen, Restaurantvisiten und einer atemlosen Jagd zu bislang nicht aufgesuchten Paris-Attraktionen wie der Venus von Milo im Louvre und dem Eiffelturm. Für Raimund wird klar, es ist ein Abschied für immer. Denn „Teddy“ hat Angst vor dem Berlin des Jahres 1931. Ihr ist das Leben im Quartier Latin lieber, ohne Angst, als Halbgöttin in einem Kreis von ihr faszinierter Bohemiens. Eifersucht, Desillusionierung, die Schwierigkeit des Loslassens, das alles kommt vor. Es gibt sehr schöne Dialoge. Und immer wieder hüllt sich die Szene in den Rauch roter Gitanes, die alle, Männlein wie Weiblein, genießen, obwohl diese eigentlich Gitanes Vizir heißenden Stäbchen das schärfste Kraut unter Galliens Himmel enthalten.
„Abschied“ ist bis 2025 nie veröffentlicht worden, so wie die meisten belletristischen Versuche Sebastian Haffners (1907 bis 1999), wie wir ihn ab jetzt nur noch nennen wollen. Und versucht hat er als junger Mann gar nicht wenig. So berichtet sein Biograph Jürgen Peter Schmied von Manuskripten mit Titeln wie „Freundschaft mit Walter“, „Sportfest“ und „Tango-Ballade“. Ein Literaturagent namens Heinrich Auerbach bot sie in den frühen 30er Jahren deutschen und österreichischen Verlagen an, erntete aber nur Ablehnungen. „Man hat überall das Wertvolle Ihres Romans erkannt, vertritt aber im wesentlichen die Auffassung – refero -, daß der wirklich `große´ Roman von ihnen noch kommen wird“, tröstete Auerbach im Falle von „Freundschaft mit Walter“ seinen ehrgeizigen Kunden, den er sicher nicht verlieren wollte. Tatsächlich mögen die Verlagsleute Haffners Schwäche bei der „Herstellung erlogener Geschichten“, wie er das selber einmal nannte, gespürt haben. „Seine literarischen Hervorbringungen, die im gesperrten Teil seines Nachlasses verwahrt werden, kreisten… bevorzugt um Liebesgeschichten, familiäre Konflikte und das Lebensgefühl seiner Generation“, schreibt Schmied in seiner 2010 erschienenen Haffner-Biographie. Und er merkt in einer Fußnote an: „Nicht wenige seiner Erzählstoffe hat er sogar aus seinem eigenen Leben oder dem seiner Freunde herausgegriffen.“ Oder um es mit Tucholsky zu sagen: Er schöpfte aus seinem „persönlichen Kram“.
Das gilt voll und ganz für „Abschied“. Autor und Ich-Erzähler lassen sich nicht unterscheiden. „Teddy“ gibt es genau so wie im Text, der im übrigen kein Roman, sondern eine längere Erzählung ist, in der Wirklichkeit. Sie heißt Gertrude Joseph, wurde 1910 in einer jüdischen Wiener Familie geboren. Alle Männer, die sie in Paris umschweben wie die Motten das Licht, lassen sich wahrscheinlich identifizieren, auch wenn Haffner ihnen andere Namen gibt. Zeitgenossen konnten dieses Buch nicht verlegen. Heute geht das.
Spätestens seit seinen „Anmerkungen zu Hitler“ von 1978 gilt: Haffner sells. Und das ist auch gut so. Haffner hatte ein einzigartiges Talent, „pflegte einen ungewöhnlich erzählenden Schreibstil“, wie sein letzter Verleger und erster Biograph (vor Schmied) Uwe Soukup es nennt. Auch wenn er diesen oder jenen Bock schoß, beispielsweise Hitler der Linken zuordnete, Haffners Texte selbst zu den ernstesten und verwickeltsten Problemen sind so süffig, daß man weitertrinkt, bis die Flasche leer ist. „Abschied“ nun kann in jedem Seminar für angehende Schriftsteller der handwerklichen Schulung dienen. Nur sollte sein Gehalt nicht so hoch veranschlagt werden, wie ihn Volker Weidermann in seinem Nachwort der von Hanser veranstalteten Ausgabe und mancher Rezensent preisen.
In der Gruppe um „Teddy“ und ihren Berliner Verehrer mit ihrer Toleranz, Menschenfreundlichkeit und dem Bemühen, ein gutes Leben zu führen, ist keineswegs das Porträt einer ganzen Generation zu sehen, über die quasi von außen das Unglück der Nazi-Herrschaft hereinbricht. Die sich hier so hell vor den dunklen Wolken des Zukünftigen ausnehmen, stellen in der damaligen bürgerlichen Jugend Deutschlands eine winzige Minderheit dar. Haffner hat in seiner 1939 begonnenen, als Fragment erst 2000 veröffentlichten autobiographischen Aufklärungsschrift „Geschichte eines Deutschen“ festgehalten: „Die eigentliche Generation des Nazismus aber sind die in der Dekade 1900 bis 1910 Geborenen, die den Krieg ganz ungestört von seiner Tatsächlichkeit, als großes Spiel erlebt haben.“ Es ist die Generation Haffners, der 1907 als Sohn eines höheren preußischen Beamten geboren wurde. Wie die Verhältnisse innerhalb dieser Kohorte aussehen, läßt sich zu Beginn der 30er Jahre an den deutschen Universitäten besichtigen. In Leipzig etwa erringt der NS-Studentenbund, der dann im Mai 1933 die Bücherverbrennungen initiiert, schon im Februar 1931 mit acht von 15 Sitzen die absolute Mehrheit im Asta. Sechs weitere Plätze nehmen Korpsstudenten ein. Es hilft nichts: In der Ahnengalerie der „Eliten“ Deutschlands sind Himmler (Jahrgang 1900) und Heydrich (geboren 1904) die Repräsentanten des für die bürgerliche Jugend Typischen, nicht Haffner und „Teddy“.
Gut wäre, die Veröffentlichung von „Abschied“ – angesichts von Johannes R. Bechers gleichnamigem großen Roman hätte es ruhig ein anderer Titel sein können – gäbe Auftakt für vermehrtes Haffner-Lesen. Sein bestes Buch, zuletzt unter dem Namen „Der Verrat“ erschienen, handelt von den Schweinereien der Ebert und Noske beim Erwürgen der sozialdemokratischen Revolution 1918/19 in Deutschland. Seine Texte im „Stern“ und in „konkret“, geschrieben als diese Zeitschrift noch gelesen wurde, weisen ihn, den Konservativen, der freundschaftlich mit Ulrike Meinhof verkehrt, als aufmerksamen Beobachter der deutsch-deutschen Verhältnisse und Befürworter einer Politik der Entspannung und der Verständigung mit dem Osten aus. Einen Realismus wie seinen, der nicht nach den moralingetränkten Begründungen politischen Handelns, sondern nach den Interessen fragt, die ihm zugrunde liegen, vermissen wir heute in den Medien mit den höheren Reichweiten. Leider gehören keine Kolumnen für die Zeitung „Neues Deutschland“ zu seinem Œuvre. Anfang der 90er Jahre gefragt, ob er solche schreiben wolle, sagte er am Telefon: „Ach, wissen Sie, wie sähe es denn aus, wenn ich jetzt noch zu Ihnen überliefe.“
Verfaßt für die Tageszeitung „Neues Deutschland“. Zur dortigen Veröffentlichung hier klicken


