Schule des Realismus


Sebastian Haffners „Teufelspakt“ über die deutsch-sowjetischen Beziehungen kann wieder im Volltext gelesen werden

Von Holger Becke
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Wer Sebastian Haffner (1907 bis 1999) liest – das gilt für seine Bücher zur Geschichte –, läßt sich auf Hochprozentiges ein. Diese Schriften sind Destillate. Die Fülle des den Geschichtsschreibern Bekannten dampfen sie ein auf das Wesentliche, das nötig ist, historische Prozesse und ihre Bedeutungen zu verstehen. „Der Teufelspakt“, sein Buch über die Beziehungen zwischen Sowjetrußland bzw. der Sowjetunion und den verschiedenen deutschen Staatsgebilden seit 1917 (am Rande auch der DDR) ist das in dieser Hinsicht markanteste Beispiel. Der Schriftsteller selbst nannte sein Verfahren „Geschichtskritik“, deren Pointe in „der Betrachtung bekannten Materials von einem neuen Gesichtspunkt, in der neuen Perspektive liegt“.

28. September 1939: UdSSR-Außenminister Wjatscheslaw Molotov unterzeichnet den deutsch-sowjetischen Grtenz- und Freundschaftsvertrag, der dem Nichtangriffspakt vom 23. August des Jahres folgte. Hinter Molotov Hitlers Außenminister Joachim von Ribbentrop, rechts neben dem Josef Stalin

Haffner – eigentlich ein Berliner namens Raimund Pretzel – schrieb den Text 1967 als Serie für die Illustrierte „Stern“. Er setzt ein mit Lenins Reise 1917 im plombierten Waggon von der Schweiz durch Deutschland, die den Revolutionär rechtzeitig über Skandinavien nach Petrograd in Russland brachte. Der Generalstab des kaiserlichen Deutschland hatte das möglich gemacht. Er unterstützte (auch mit Geld) die Bolschewiki, weil er sich vom Umsturz in Rußland berechtigterweise dessen Ausscheiden aus dem Krieg erhoffte. Jede Seite sah aus harten Gründen die andere als schlimmen politischen Feind, quasi den Teufel, an dem man sich aber zum eigenen Vorteil bediente. Insofern folgt der „Teufelspakt“ nicht dem klassischen Muster, in dem einer dem Satan seine Seele verkauft. Es geht um erfolgsorientierten Realitätssinn, den Haffner bei Lenin besonders ausgeprägt sieht und in den höchsten Tönen preist. Das gilt, was Uljanow betrifft, ebenso für den Frieden von Brest-Litowsk 1918, den Lenin gegen seine Genossen erzwingt, um die Revolution zu retten, und den die Deutschen verblendet von Gier für den Versuch einer gigantischen Landnahme im Osten nutzen. 

Und ohne den nüchternen Blick auf die Möglichkeiten, welche die Wirklichkeit bot, ohne „Staatsvernunft“ und „Selbstüberwindung“ wäre auch der Vertrag von Rapallo 1922 nicht denkbar, mit dem Deutschland auf seine Pläne der Zerstückelung Rußlands verzichtete und die beiden Parias der Welt nach dem ersten der beiden großen Kriege des 20. Jahrhunderts Zusammenarbeit vereinbarten. Auch im Geheimen. Den Deutschen half sie, vom Versailler Vertrag verbotene Rüstung zu betreiben, bei Panzern, Flugzeugen, Giftgas, so neue „Angriffsmacht“ zu erwerben. Der Roten Armee ermöglichte sie, sich zu technisieren und das Handwerk für den Krieg der Zukunft zu erlernen. Beteiligt war die deutsche Industrie mit Krupp und – was Haffner noch nicht wissen konnte ­­– Rheinmetall. Es blieb nicht bei pragmatischer Kooperation, sondern das Paradoxon trieb ins Surreale: Deutsche Rechte mit roten Biesen an den Hosen und sowjetische Kommunisten im Generalsrang kippten freundschaftlich Wodka miteinander.

Folgen wir Haffner, dann war Stalin ein nicht minder großer Realist als Lenin, indem er alles dem Ziel des Überlebens der Sowjetunion, des „Sozialismus in einem Lande“, unterordnete. Das betrifft insbesondere den Nichtangriffspakt mit Hitler von 1939. Stalins sei fast auf die Knie gegangen in dem Bestreben, sein noch unzulänglich vorbereitetes Land so lange wie möglich vom Krieg zu verschonen. Während der ideologischen Vorstellungen folgende Hitler eines wollte: „jede russische Staatlichkeit abschaffen“ (Rußland, heutig gesprochen, „ruinieren“). Hitlers Krieg war kein „europäischer Normalkrieg“, sondern „ein kolonialer Eroberungskrieg mit dem Ziel der dauernder Versklavung, Ausbeutung oder Ausrottung der Eingeborenen“. Und er fußte auf Illusionen, führte dazu „ein großes Reich zu zerstören: aber nicht das russische, sondern das deutsche“. Haffner macht Stalin, dem er „Maßlosigkeit und Grausamkeit“ attestiert, keineswegs zur Heldenfigur, beschönigt nicht, daß der Kremlführer bedenkenlos auch deutsche Kommunisten über die Klinge springen ließ. Ihm geht es um den Gegensatz von „letzten Endes … gesundem Menschenverstand“ (Stalin) und „Träumer“ (Hitler).

Nicht an Kritik spart Haffner, wenn er auf die westdeutsche Nachkriegsregierung unter Konrad Adenauer blickt. Der hat 1956 die Sowjetunion „unseren Todfeind“ genannt – „eine Äußerung, für die es unter Regierungschefs in Friedenszeiten sonst kein Beispiel gibt“. Leitende Politiker der Bundesrepublik hätten in jenen Jahren den Eindruck verbreitet, sie seien im Begriff im Bunde mit Amerika den Ostkrieg nun doch noch zu gewinnen. Dieses Mit-dem-Westen-gegen-den-Osten- Denken, war denn auch Grund für die Bonner Ablehnung der „Stalinnote“ von 1952, die nach Haffners Überzeugung zu der – doch so oft beschworenen – „Wiedervereinigung“ geführt hätte – unter Moskauer Preisgabe der DDR und lediglich für den Preis einer Neutralität und Bündnisfreiheit Deutschlands. 

Haffners „Stern“-Serie rief Tobsuchtsanfälle hervor. Und das nicht, weil Haffner fälschlich, aber in Westdeutschland damals bis in die Linke üblich, von „deutsch-russischen“ Beziehungen schreibt. In der UdSSR-Botschaft sei der Leiter des Bonner „Stern“-Büros wegen der Passagen über Lenin und den deutschen Generalstab angebrüllt und mit einem Feuerzeug beworfen worden, berichtete später „Stern“-Chef Henri Nannen. In Politik und Publizistik Westdeutschlands führt Haffners Charakteristik der Kontinuitäten ihres Landes zu Zuckungen: Die „deutsche Rechte, das Kaiserreich“, so befindet er, sei der „gesellschaftliche und politische Ahnherr der heutigen Bundesrepublik“. Auch wenn die Erben sich nun am liebsten dafür die Hand abhacken würden, diese Hand habe damals Lenin gestützt. Haffner wird ab 1969 die von Sozialdemokraten formulierte „Neue Ostpolitik“ unterstützen, als deren realismusschulende, vorlaufende geistige Befeuerung die „Teufelspakt“-Serie begriffen werden kann. Da sich trotz Willy Brandt und alledem und schließlich wegen Wegfalls der DDR in den deutschen Erbschaftsangelegenheiten nichts geändert hat, ist es gut, wenn sie nun neu und, so weit wir sehen, ungekürzt als Buch vorliegt. In seinem Vorwort bemerkt Haffner, das „deutsch-russische Kaleidoskop“ des „Miteinander, Gegeneinander und Ineinander“ drehe sich weiter. Und ob der Prozess „einmal friedlich zur Ruhe kommt oder ob er schließlich in Vernichtung und Strahlenasche enden wird, das ist immer noch eine offene Frage“.

Sebastian Haffner: Der Teufelspakt. Eine Geschichte der deutsch-russischen Beziehungen. Hanser, München 2026, 24 Euro

Die heute wieder besonders virulente mögliche Perspektive von „Vernichtung und Strahlenasche“, falls die Beziehungen nicht auf Vernunft sich gründen, kommt in der Ausgabe nicht vor, die der Rezensent bis vor kurzem so wie viele Haffner-Leser nutzte (Das Rowohlt-Original von 1968 kam bei einem Antiquariatspreis-Preis von 90 Euro nicht in Frage). Sie hatte der Zürcher Verlag Manesse veranstaltet. Zwar enthält sie den Hinweis, eine „gekürzte und überarbeitete Fassung“ zu sein, was ja noch keinen Arg erweckt. Aber Ausmaß und Bedeutung der Schnitte am Text waren erheblich. Ein Vergleich mit der neuen Hanser-Ausgabe zeigt: Es fielen damals sowohl einzelne Sätze der Schere zum Opfer wie längere Textabschnitte und ganze Kapitel. Letzteres betrifft insbesondere jene über das bestialische Wüten der Deutschen in der Sowjetunion, die UdSSR als Besatzungsmacht sowie über „Adenauer, Ulbricht und Moskau“ und „Die Berlin-Krise und die Folgen“. Wenn Karl Schlögel als Benachworter der Hanser-Ausgabe meint, es wäre „vielleicht noch zu klären“, ob die Manesse-Streichungen mit Haffners Zustimmung erfolgten, hätte er es besser wissen müssen. Uwe Soukup, Haffners Biograph und letzter Verleger, bezeugt, Haffner habe sich bei ihm über die nicht abgesprochenen Streichungen bei Manesse beklagt. Und er, Soukup, habe das dem Hanser-Verlag vor der Neuausgabe mitgeteilt. Ein Beispiel für zensorische Qualität damaliger Schnitte ist folgende sachliche Aussage über die gegenrevolutionären Leistungen des SPD-Politikers Friedrich Ebert: „1919 und 1920 unter Ebert sind mehr deutsche kommunistische und sozialistische Arbeiter im Kampf oder ´auf der Flucht´ erschossen worden als 1933 und 1934 unter Hitler.“

Schlögel übrigens liegt auch falsch, wenn er schreibt, es lasse sich erklären, warum „in der Neuausgabe des Jahres 1990“ bei Manesse die Kapitel über das geteilte Nachkriegsdeutschland weggelassen worden seien: „Sie schienen von der Geschichte überholt …“ Was das Inhaltliche angeht, mag das jeder selbst prüfen. Nur: Die Manesse-Ausgabe, die dann mehrere Nachauflagen erlebte, erschien erstmals 1988.

Der Text erschien am 10. Juli 2026 in der gedruckten Wochenendausgabe „nd die Woche“ der Tageszeitung „Neues Deutschland“ (hier klicken)